9. August 2011

Syrien. Warum in den Ferni schweifen?


Am 8. August 2011, zur besten heute-Zeit, berichtet Matthias Fornoff, daß Saudi-Arabien, Kuwait und Bahrain der Zustände in Syrien wegen ihre Botschafter aus Tripoli zu Konsultationen heimgerufen hätten. Wer's nicht glaubt, schaue in der ZDF-Mediathek bei 13:36 nach, sollte die Aufzeichnung ihrer Peinlichkeit wegen nicht entfernt sein. Man kann sich versprechen und vertun, Pleiten&Pannen sind den öffentlich-rechtlichen Anstalten gar eigene Sendungen wert, aber die Art des Versprechers zeigt doch die Abgehobenheit von den Tatsachen. Das von Zwangsgebühren der Deutschen finanzierte Personal ist ahnungslos oder desinteressiert an Ereignissen, die uns spätestens morgen angehen werden. In Libyen, Hauptstadt Tripoli, bombt die NATO zugunsten radikalislamischer sunnitischer Rebellen, die einen Gottesstaat errichten wollen, in Syrien, Hauptstadt Damaskus, versucht der mit dem Iran verbündete Bashar al-Assad, Vertreter des Clans der Alawiten, einer schiitischen Sekte, die Machtposition des Irans und der Schiiten in der Region gegen die sunnitischen Araber zu halten.

Entgegengesetzter könnten die Szenarien nicht sein. Sagte der Moderator statt Tripoli aus Versehen Teheran, wäre er dichter dran, man könnte zu seinen Gunsten annehmen, er hätte sich mit der Problematik des Machtkampfes zwischen Schiiten und Sunniten beschäftigt.

In den überregionalen Printmedien ist die Sachlage anders. Dort sind, abgesehen von schrägen Vögeln wie Bahners, Diez und Putz, in der Regel kompetente Journalisten mit den Themen befaßt. Einer von ihnen ist der Politik-Redakteur der FAZ Wolfgang Günter Lerch. Trotz religionswissenschaftlicher Studien, "mehrere(n) Reisen in den Orient, besonders in die Türkei, nach Persien, Syrien und in den Irak" und jahrzehntelanger Beschäftigung "mit den politischen Ereignissen in Nordafrika und im Nahen Osten" hat er es nicht leicht mit den islamischen Völkern, vor allem nicht dann, wenn er sich der Interessen des MSM wegen, das ihn beschäftigt, einen Maulkorb umhängt oder gleich die Schere im Kopf betätigt: Schnipp!

Anders ist seine Glosse nicht zu verstehen. Was ist zwiespältig an der Kritik des saudischen Königs am Vorgehen der Regierung des Bashar al-Assad? Hat der Autor bei seiner Kenntnis der Region je angenommen, eine Entscheidung des Herrschers könnte von Sorge um Demokratie und Menschenrechte beflügelt sein? Und der zart eingeklammerte Hinweis auf "(deutsche) Panzer [die] gegen Oppositionelle in Stellung gehen" könnten, ist er der Sorge des Wolfgang Günter Lerch um das verlorene Dutzend saudischer Streiter für Demokratie geschuldet, oder weiß er doch eher, daß es sich um militärisches Gerät gegen den Iran handelt, den Geschäftspartner deutscher Großunternehmen und Inserenten der FAZ?

Entsprechend verfehlt sind seine Argumente: "Und verglichen mit dem wahhabitischen Königreich der Ölprinzen lebt Syrien schon lange in der säkularen Moderne." So ist es, und nun? Ist das nicht eher ein Argument für die Empörung des saudischen Königshauses? Das schlechte Beispiel der wenigen Freiheiten im mehrheitlich sunnitischen Syrien könnte die saudische Bevölkerung auf Ideen bringen. Als die Proteste in Syrien beginnen, sind viele Menschen dabei, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen. Die vom System verfolgten Muslimbrüder haben ihre sunnitischen Glaubensbrüder noch nicht formiert, schon deshalb halten sich alle sunnitischen Staaten zurück. Die Macht des schiitischen Iran in Syrien ist anfangs der Proteste ungebrochen. Die Schiiten der Golfstaaten könnten vom Iran und vom mehrheitlich schiitischen Irak mobilisiert werden.

In Saudi-Arabien leben laut dem Pew Forum on Religion & Public Life bei einer Gesamteinwohnerzahl von 27,6 Millionen 25 Millionen Muslime, davon 2,5 bis 3,75 Millionen Schiiten, in Kuwait sind von 3,4 Millionen Einwohnern 2,8 Millionen Muslime, davon 565 000 bis 706 000 Schiiten. Bahrain mit seinen knapp 1,5 Millionen Einwohnern ist das einzige Land der Welt, das bei schiitischer Mehrheit von Sunniten regiert wird. Von den Muslimen Bahrains sind 60 bis 75 Prozent Schiiten. Diese Zahlen fallen unterschiedlich aus, je nach Interessenlage der Herausgeber der Zahlen. Ahl ul-Bayt hat sie zusammengestellt. Eines geht aber aus allen Zahlen hervor. Es wäre für die Golfstaaten nicht ratsam gewesen, sofort in den Konflikt in Syrien einzugreifen. Selbst das politisch stabile Qatar mit einer schiitischen Bevölkerung von zehn Prozent hat sich durch Abberufung seines Botschafters dazu erst Mitte Juli entschlossen.

Ein weiterer Faktor ist die Türkei. Man erinnert sich der Gaza-Flottille des Jahres 2010? Sie wird von der türkischen Regierung über die islamische IHH subventioniert und organisiert. Die Gaza-Flottille I soll der vom Iran unterstützten Hamas politisch zu Hilfe eilen. Der Iran und die Türkei haben zu der Zeit im Gazastreifen Ambitionen, und keiner von beiden sieht sich stark genug, sie für sich allein zu realisieren. Die Linksradikalen des Westens, geblendet von ihrem Juden- und Israelhaß, angestachelt von ihren palästinensischen Freunden, sind willige Helfer zur Durchsetzung der strategischen Interessen des Irans und der Türkei. Außenminister Ahmet Davutoglu - übrigens ein Absolvent der Deutschen Schule Istanbul - empfängt die Heimkehrenden und trauert mit ihnen um die neun Märtyrer. Dieser Applaus und der anderer islamischer Staaten stärkt sie in dem Wahn, sie müßten das Projekt 2011 wiederholen. Da ist aber bereits die Entente cordiale des Iran und der Türkei aufgelöst, und so schippern einige versprengte Kämpfer für die Befreiung Gazas von der Blockade im Mittelmeer herum, bis ihr Urlaub beendet ist.

Syrien ist bis zum Ende des Ersten Weltkrieges Teil des osmanischen Reiches, Palästina gilt als Südsyrien. Die Türkei konzentriert sich heute auf strategisch wichtige Landstriche. Gaza gehört nicht dazu, das sei samt seiner renitenten Bevölkerung den Ägyptern gegönnt. Die Türkei versucht, über Syrien einen Zugang zu den Märkten der arabischen Staaten zu bekommen, daher auch die Islamisierung des Landes. Der Außenminister Ahmet Davutoglu ist abgesandt, Bashar al-Assad klarzumachen, daß er mit einem militärischen Eingreifen arabischer Staaten und der Türkei zu rechnen hat, wenn er den Sunniten nicht die Macht überläßt. Den Segen der USA gibt's dazu gratis.

Heute ist ein Widerstand von laizistischen demokratischen Kreisen Syriens gegen Bashar al-Assad nicht mehr zu erwarten, es geht nur noch um den alten Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten um die endgültige Vorherrschaft, um den Sieg der "Wahrheit". Das tobt so seit dem 7. Jahrhundert. Zweckbündnisse und Hudna zwischen den Kriegsparteien werden nur für so lange geschlossen, bis sich die Kämpfer jeweils stark genug fühlen, nach angemessener Zeit bis zum Endsieg weiterzumachen. Eine Hudna darf nicht länger als zehn Jahre währen. Das gilt auch für Verhandlungen der Araber mit Israel und anderen Nichtmuslimen. Nie sind solche Verhandlungen gemeint als Voraussetzung für einen Frieden nach Win-Win, sondern immer sind die Aktivitäten Teil des Nullsummenspieles: die oder wir.

In diese Großwetterlage platzt Wolfgang Günter Lerch mit seinem Hinweis auf den Herstellungsort von altem und neuem Kriegsgerät: "Es sind jetzt Panzer sowjetischer Bauart, die Assad in Hama, Homs und anderswo zu Hunderten gegen die eigene Bevölkerung einsetzt; doch es könnte einmal der Tag kommen, da Saudi-Arabien ebenfalls Panzer gegen Oppositionelle in Stellung bringt. Die wären dann zwar nicht russischer Herkunft, dafür aber möglicherweise von Deutschland geliefert." Es kann nicht sein, daß er die Herkunft des saudischen Waffenarsenals nicht kennt. Es steht in seiner eigenen Zeitung. Also ist der Inhalt der Glosse reine Propaganda für den Iran, der eben von den Türken daran gehindert wird, seinen syrischen Verbündeten aufzurüsten, und der demnächst mit ansehen muß, wie "eine friedenserzwingende militärische Intervention der saudisch geführten arabischen Golfstaaten und der Türkei" die Machtfrage in der Region vorläufig klärt. Ahmet Davutoglu verkündet das soeben den syrischen Herrschern, die ihre Macht nicht freiwillig hergeben wollen. Die Sitzung des Golf-Kooperationsrates diesbezüglich ist für den 14. August angesetzt. Hezbollah und Hamas zittern schon. Seit Wochen verlagert die Hezbollah ihre Waffen in den Süden des Libanon, wo sie aber mittelfristig auch nicht sicher sein werden. Die Hamas-Führungskader packen besser rechtzeitig ihre Klamotten zusammen, die schöne von Saudi-Arabien oder dem Iran oder beiden finanzierte Zeit in Damaskus geht zu Ende.

Wer genug hat von der durch die Interessen der deutschen Unternehmen im Iran reduzierten Wahrnehmung der FAZ der lese im eben von mir in Sachen Israel-Proteste gescholtenen Figaro einen sehr informativen Beitrag von Pierre Prier. Syrie : pourquoi le monde arabe se réveille. Warum die arabische Welt aufwacht. Frankreich, seine Politiker und Unternehmen setzen, wenn sie wählen müssen, ihrer strategischen und wirtschaftlichen Interessen wegen auf die arabischen Staaten, den Iran muß man ja trotzdem nicht aus den Augen verlieren. Das haben sie mit den USA gemein. Diese signalisieren ihr Einverständnis mit dem Projekt der Beseitigung der alawitischen Herrschaft an ihre Verbündeten, wird der Forschungsdirektor der Arab Reform Initiative (ARI) Salam Kawakibi zitiert.

Der Autor erwähnt auch das Blog des ehemaligen Diplomaten Ignace Leverrier Un oeil sur la Syrie. Dort liest man den Artikel Les Etats-Unis et la Syrie : comment sanctionner sans rompre ? Die Vereinigten Staaten und Syrien: Wie sanktionieren ohne sich zu überwerfen? Am selben Tag gibt's den Artikel Des oulémas en vue imputent la responsabilité de l’effusion de sang au régime syrien. Die bekannten sunnitischen Religionslehrer weisen die Verantwortung für das Blutvergießen dem syrischen Regime zu. Sowohl die Al-Azhar Universität als auch der Großmufti von Aleppo und weitere 20 bekannte und angesehene Religionslehrer Syriens sind auf Seiten der Befreier des Landes vom alawitischen Joch.

Freiheit und Demokratie kommen nicht vor in den Überlegungen der Kämpfer gegen das Blutvergießen in Syrien, wohl aber das Problem, was demnächst mit der Türkei geschehen soll, deren Einfluß zurückgedrängt werden muß. Turkmilitär erledigt nicht zum ersten Mal in der Geschichte die Dreckarbeit für Araber und soll anschließend abserviert werden. Nicht immer gelingt das. Es werden wieder Muslime aufeinander einschlagen, jeder behauptend, die Wahrheit und das Recht auf seiner Seite zu haben.

Israel verhalte sich gemäß "Exodus 14:14", das wird zunehmend mein Lieblingsspruch.