20. März 2026

Auszüge aus dem Iran-Reisebericht einer Studentin. Istanbul

Liebe Eltern!

Tehran, 17.3.65 Fortsetzung

Am Dienstag [9.3.65] hatten wir einen ganzen Tag Zeit für Istanbul.


Wir haben drei von 500 Moscheen angesehen, ich habe mir gesagt, die Quantität macht es nicht, lieber einige genauer ansehen. Die Hagia Sophia, das bei uns berühmteste Bauwerk Istanbuls, ist so häßlich, daß mir die drei Lira leidtaten, die ich dafür ausgeben mußte. Christen und Moslems haben dort nacheinander gewirkt, so daß ein potthäßliches Durcheinander das Resultat ist. Aber die beiden anderen Moscheen waren dafür desto schöner. Am herrlichsten fand ich die sog. "Blaue Moschee", die Moschee des Sultans Ahmet. Sie wurde von 1609 bis 1616 erbaut. Die Moschee, die außen hellgrau ist (ob sie früher auch bunt war, weiß ich nicht), ist innen mit blauer Farbe bemalt; wunderbare Muster gibt es dort. Die Moscheen sind innen ganz mit Teppichen ausgelegt, die teils sehr alt sind.

Man muß draußen seine Schuhe ausziehen, weil die Gläubigen auf diesen Teppichen beten und mit dem Gesicht den Teppich berühren. Die Fußwaschung hat Mohammed, wie man sagt, vorgeschrieben, weil er wollte, daß sich die Männer wenigstens hin und wieder die Füße waschen. Das mag stimmen.

Die Blaue Moschee ist die einzige mit 6 Minaretten, alle anderen haben 4. Gegessen habe ich den ganzen Tag, und um Reinlichkeit habe ich mich nicht geschert, weil ich sonst nirgendwo hätte essen können. Wenn ein Kellner in Deutschland eine so schmutzige Jacke anhätte, würde ich keinen Bissen essen, aber in Istanbul muß man mit anderen Maßstäben messen!

Geld habe ich "schwarz" umgetauscht - ich war nach wenigen Stunden eine gerissene Orientalin - haha! Im Bazar habe ich mir als Andenken an Istanbul ein Paar lederne Pantoffeln für 25 Lira gekauft, die sind jetzt meine Hausschuhe. weil die zu 2,95 DM von Köstermeyer doch nichts taugen. Diese sind bequem und sehen aus wie Schnabelschuhe. Der Bazar ist überhaupt wunderbar. Man geht unter endlosen verzweigten Gewölben, wie in einer Kirche. Von den Wänden und von der Decke hängt alles mögliche Zeugs - Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was man dort alles kaufen kann, und was die Händler für verkaufenswürdig halten! Aber sie haben auch gute, erstklassige Sachen. Es ist alles durcheinander, und ein Laie weiß nicht, ob dieses oder jenes nun Schund oder Kitsch oder wertvoll ist. Die Preise sind auch nicht so, daß man es an ihnen ablesen könnte. Man kann wertvolle Sachen manchmal ganz spottbillig kaufen. Sehr preiswert sind Ledermäntel erster Qualität, sie kosten 100 bis 120 DM. Sie sind zum Verlieben schön, alle Farben gibt es. Ich mag besonders solche, in denen innen Fell ist, davon träume ich schon lange. Sie sind etwas teurer - hier in Tehran sollen sie auch sehr preiswert sein. Sie kosten ca. 200 DM, und wenn ich zu Beginn des nächsten Winters noch Geld übrig habe, werde ich mir einen kaufen. (Er kostet in Deutschland meist mehr als 600 DM). Sehr schönen Silber- und Goldschmuck gibt es, ebenfalls sehr preiswert. 

Etwas anderes hatte ich inzwischen auch herausbekommen, nämlich, daß die Dame aus Österreich und ein Amerikaner für die gleiche Fahrt München - Teheran nur 200 DM + 60 DM Verpflegung bezahlen mußten, ich hingegen 232 DM + 60 DM. Könnt Ihr mir sagen, worin die Studentenermäßigung bestehen könnte? Ich werde mich bei der Firma erkundigen und das Geld zurückverlangen. So hat man immer unnötigen Ärger ... [😡]!

Am Dienstagabend habe ich einen Freund von Reimar Lenz besucht, er ist Bibliothekar am Deutschen archäologischen Institut. Zusammen mit einem türkischen Freund sind wir in ein feudales Restaurant gezogen. Das war ein sehr angenehmer Abend; denn es handelte sich um zwei geistreiche Leutchen. Der Türke sprach perfekt Deutsch mit rheinischem Akzent, er hat mir im Laufe des Abends auch einige rheinländische Ausdrücke erklärt. Ihr könnt Euch denken, daß das auf mich sehr komisch gewirkt hat. Selbst in diesem erstklassigen Restaurant hatten die Kellner keine sauberen Jacken an, aber es hat nichts ausgemacht. Wir haben ganz frischen Fisch gegessen, und ich habe mich wieder daran erinnert, wie wir auch so frischen Fisch hatten, als Vati vom Fischfang kam.

  جهانگیر = Jahangir

Große Schiffe habe ich in Istanbul gesehen, sie liegen direkt neben der Straße, mitten in der Stadt. Istanbul liegt gleichzeitig in Europa und Asien, sie ist die einzige Stadt auf zwei Kontinenten. Außerdem ist der europäische Teil noch einmal getrennt durch eine Meeresbucht, ich glaube, das ist das Goldene Horn, weiß es aber nicht mehr so genau. Ihr könnt es ja leicht auf dem Atlas nachsehen. Zwei Brücken, die Galata- und die Abubakr-Brücke (o.a. Atatürk? Den Namen habe ich schon wieder vergessen) verbinden die beiden europäischen Teile der Stadt miteinander. Der Freund von Reimar wohnt in einem feudalen Viertel, er bezahlt ca. 300 DM Miete für eine Appartementwohnung, die aber auch den herrlichsten Blick aufs Goldene Horn freigibt. Es ist die Wohnung mit dem schönsten Ausblick, den ich je gesehen habe.

Am Mittwoch [10.3.65] sind wir nach Ankara gefahren ... 

Fortsetzung folgt!

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