Tehran, 17.3.65 Fortsetzung 3
Wir sind dann die ganze Nacht durchgefahren bis Tabriz, wo wir um 5 Uhr 30 ankamen. Ich hatte wieder auf der hinteren Bank geschlafen und war gar nicht müde. Den ganzen Sonntag - der ja im Iran kein Feiertag ist, sondern Freitag ist Feiertag - haben wir in Tabriz verbracht. Der eine alte Mitreisende war aus Tabriz, als Kind hatte er dort gewohnt, und er hat uns mit zu seiner Familie genommen. Da haben wir am Abend gegessen. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was die alles aufgefahren haben! Das war der erste Eindruck, den ich von der persischen Gastfreundschaft bekommen habe.
Sonntagnacht haben wir in Tabriz geschlafen, und am Montagmorgen [15.3.65] wurde der ganze Bus bis an den Rand voll mit Reisenden nach Tehran geladen. Das war ein Unterfangen! Alte und Junge, Greise und Kleinstkinder, alles durcheinander. Aber wie artig die Kinder waren! Sie haben nicht den kleinsten Mucks getan.
Endlich kamen wir abends kurz nach 20 Uhr in Tehran an, wo mich das Ehepaar Wekilzadeh [DIE TNT GRUPPE 1969 S. 17] schon erwartete. Bereits am Sonntagabend haben sie zwei Stunden auf den Bus gewartet. Leider konnte ich erst in Tabriz telegraphieren, das Telegramm kam am Montagnachmittag an - das ist orientalische Schnelligkeit.
Ich habe hier ein herrliches Zimmer und wohne in einem wunderschönen Haus mit großem Garten und Swimmingpool. 4 Hunde gibt es hier, ein kleines Treibhaus, einen Gärtner, so das Mädchen für alles im Hause. Er heißt Hussein, genannt Meschhed-Hussein, weil er nach Meschhed gepilgert ist, das ist eine heilige Stadt, weil dort das Grab von Imam Reza ist. Die alte Großmutter, Frau Wekilzadehs Mutter, aus Ostpreußen, lebt hier schon 10 Jahre; sie wird 80 Jahre alt am 30. März.
Ich fühle mich sehr wohl; denn diese Familie ist wirklich rührend um mich besorgt. Gestern habe ich mit Firuz, dem Sohn des Hauses, ein wenig Tehran angesehen. Die Stadt ist sehr modern. Was hier wohl stand? (Was ich eben schreiben wollte, erzähle ich Euch lieber, wenn ich wieder dort bin). ....
Wenn Ihr dann vielleicht noch einmal 16 Passbilder schicken könntet? Hier werde ich einige brauchen, wenn ich zur Uni komme. ... Bitte grüßt auch Tante Änne und Onkel Ewald.
Die Schreibmaschine ist Scheiße, das könnt Ihr bitte dem Hans Beuermann sagen. Das i transportiert sehr schlecht, Ihr seht es im Brief [oft sitzt der nächste Buchstabe auf dem i statt daneben]. Es ist nicht unbedingt erforderlich, daß man so einen Schund bekommt, finde ich. Ich habe schon so viele Maschinen gesehen - auch Reiseschreibmaschinen -, die normal geschrieben haben. Jetzt sitze ich da, und weiß noch nicht, wohin ich die Maschine zur Reparatur bringen kann.
Seid nun herzlich gegrüßt und geküsst von
Eurer Gudrun [handschriftlich]
Die Fortsetzung wird stark gekürzt, weil außer Schwierigkeiten, in der Fakultät für Literatur der Universität Teheran دانشگاه تهران دانشکده ادبیات eingeschrieben zu werden, außer einem Attentat سوء قصد auf den Schah, außer daß ich meiner Gastfamlie lästig wurde und deshalb zu der deutschstämmigen Mme Sophie Mahmud umzog, der Witwe des Postministers (?) von احمد شاه قاجار Ahmad Shah Qajar (1898 - 1930), des lezten Schahs der Kajaren (1909 - 1925), nicht viel los war. 😂
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