19. März 2026

Auszüge aus dem Iran-Reisebericht einer Studentin. Berlin - Istanbul

Liebe Eltern!

Tehran, den 17.3.65

Ich bin am Donnerstag, den 4.3., im Auto aus Berlin nach München losgefahren. ... Dort habe ich zwei Nächte lang bei einem Freund von Dietrich und dessen Frau, die zwei kleine Kinder haben, geschlafen. Das jüngste war 1 Monat alt und schrie die ganze Nacht. ... Dann ging die Fahrt los. Mit dem Bus der "Deutschen Touring" -> Lietzen, Zagreb -> Belgrad, Sofia -> Haskovo, Istanbul

Tarabarie Beynalmelalie Tehran | TBT |
 شرکت ترابري بين المللي تهران| تي بي تي
Internationaler Transport Teheran

Mit dem Bus der شرکت تی بی تی, "Scherkat-e TBT" von Istanbul -> Ankara -> Malatia -> Erzurum -> Tabriz -> Tehran

Reisetage. Samstag, 6.3.und Sonntag, 7.3.1965, stichwortartig
Lietzen/Österreich: Sehr schlechtes Essen, aufgewärmte Nudeln und zähes Gulasch
Zagreb /Jugoslawien: Abendessen und Übernachtung gut, Frühstück dürftig
Belgrad/Jugoslawien: Mittagessen. Sofia/Bulgarien: Übernachtung

Die Fahrt durch die beiden sozialistischen Länder war mehr oder weniger langweilig, vorbei ging es an endlosen Sümpfen, an ärmlichen Dörfern. In Belgrad sah man sehr viele Leute auf den Straßen, wenige Autos, meistens Fiat 600 bulgarischen Baues, wackelige Straßenbahnen aus alter Zeit schienen ständig nah am Umfallen, wenn sie sich mit 10 Sachen in die Kurven legten. Wir speisten wohl in einem der vornehmsten Hotels des Ortes; denn um uns herum pirschten ständig Leute, die sehnsüchtige Blicke in das Hotel warfen. Ich kam mir sehr komisch vor, als reicher Kapitalinski angestaunt zu werden. Als wir nach Bulgarien kamen, machte sich ein deutlicher Unterschied bemerkbar. Den Bulgaren scheint es viel besser zu gehen als den Jugoslawen, jedoch immer noch schlecht genug. Aber vielleicht täusche ich mich.

Abends, in Sofia, waren wir wieder in einem vornehmen Hotel untergebracht. Das Essen war sehr gut. Hier machte sich auch ein sehr starker orientalischer Einfluß bemerkbar. Bulgarien war mehr als 500 Jahre, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, unter osmanischer Herrschaft. Die Musik ist sehr stark orientalisch, wie auch das Essen. Die später in der Türkei und im Iran zu beobachtende rege Geschäftigkeit und die Vorliebe fürs Handeln und Feilschen ist dort jedoch mangels Masse nicht möglich. Die Märkte, die wir sehen konnten, waren sehr kärglich, die Leute gelangweilt. In Haskovo, einer für bulgarische Verhältnisse wohl größeren Stadt, war es so öde, daß es mir zum Alptraum wurde, mir vorzustellen, hier leben zu müssen.

Am Nachmittag ging es dann in die Türkei, wo die Leute auch nicht sehr reich sind, aber das Leben scheint dort viel lebenswerter zu sein. Die Türken essen sehr gut und abwechslungsreich, und wenn sie auch noch so arm sind. Das haben wir dann in Istanbul gesehen. Istanbul ist eine wunderbare Stadt, wenn man sie nicht gesehen hat, kann man sich das überhaupt im Traum nicht vorstellen! So viele Leute sind auf der Straße - und Autos! Das sind fast alles Taxen, das beliebteste Fortbewegungsmittel der Istanbuler; sie heißen dolmuş, auf Deutsch "muß voll sein"; sie fahren erst los, wenn genug Plätze besetzt sind. In Teheran heißen sie kerayeh. Und wie die fahren! Man meint andauernd, jetzt sei das letzte Stündlein gekommen, aber es gibt sehr wenig Unfälle, weil jeder sehr gut aufpaßt.

Wir - d.h. eine Österreicherin und ich - haben in einem Studentinnenwohnheim für 5 Lira [!] pro Nacht gewohnt, das sind ca. 1,70 DM. In der Türkei ist alles so billig! Für ca. 1 DM bekommt man ein fürstliches Essen, sehr abwechslungsreich.

Am Dienstag [9.3.65] hatten wir einen ganzen Tag Zeit für Istanbul.

Fortsetzung folgt!