11. August 2015

Rußland. Putin-Berichterstattung am Beispiel des Figaro


Wenn es im Figaro nicht um die Interessen des Besitzers Serge Dassault in den islamischen Staaten geht, sondern um die in Rußland, liest man interessante Einschätzungen; sie wechseln rapide.

Der im asiatischen Moskau, im tiefen Sibirien, eingeschneite Pierre Avril ist mit seiner Putin-Schelte mega-out. Putin prangert die "Feinde" Rußlands an: Die Bezichtigung Putins gegen den Westen, La charge de Poutine contre l'Occident, war gestern, genauer, am 4. Dezember 2014. Schon im Oktober 2014 erklärt man auf dem Blog Dissonance, er hätte nach fünf Jahren nichts begriffen.

Anfang 2015 schreibt Pierre Avril über die Fußball-Weltmeisterschaft 2018, wozu er ins warme Sotschi darf, und darüber, daß die ukrainische Wirtschaft am Ende ist. Vielleicht ist er längst nicht mehr Korrespondent des Figaro? Bis 5. April 2015 unterhält er ein Blog beim linksradikalen Médiapart des Edwy Plenel. Wo ist er nur? Muß man sich Sorgen machen? Hat ihn der russische Bär gefressen?

Die Rußland-Berichterstattung übernehmen Profis. Eine von ihnen ist die Politologin Dr. Elena Morenkova Perrier, die vom Institut des Hautes Études de Défense Nationale (IHEDN), dem Hochschulinstitut der nationalen Verteidigung, mit dem Ersten Preis 2014-2015 ausgezeichnet wird für ihre Dissertation "Mémoire et politique. Les représentations du passé soviétique en Russie". Erinnerung und Politik. Die Darstellungen der sowjetischen Vergangenheit in Rußland.

In Rußland schwächen die Sanktionen Putin nicht, sondern sie stärken ihn, ist ihr Artikel überschrieben. En Russie, les sanctions n'affaiblissent pas Poutine, elles le renforcent.

Von diesem Artikel, des 10. August 2015, Seite 17, findet man keine Spur auf der Internet-Seite des Figaro, nicht den kleinsten Anreißer. Auf Twitter gibt's den Titel und den Hinweis auf den Figaro, vom Figaro-Korrespondenten Guillaume Perrault, einem Lehrer am Pariser  Institut für politische Wissenschaften und Autoren dreier Bücher:

Guillaume Perrault ‏@GuilPerrault  23 Std.vor 23 Stunden
En #Russie, les sanctions n'affaiblissent pas #Poutine, elles le renforcent. Une analyse de Elena Morenkova. Page Débat @Le_Figaro

"Ist Wladimir Putin geschwächt von den durch den Westen vor einem Jahr gegen Rußland verhängten Sanktionen?" Elena Morenkova Perrier erwähnt die Finanzkrise, Ende 2014, Anfang 2015, und die Abwertung des Rubel, die Stabilisierung durch die Zentralbank, die Abwanderung von Kapital, das für 2015 erwartete Absinken des BIP um 3%, Einschnitte im Haushalt, von denen aber die Verteidigung nicht betroffen sei. "Das Land fährt trotz auf Grund des Preiseinbruchs beim Erdöl sinkender Einnahmen fort zu funktionieren".

"Die Sanktionen sind ein zusätzlicher negativer Faktor, die gegenwärtigen Probleme der Wirtschaft sind vor allem strukturellen Mängeln der russischen Wirtschaft geschuldet." Es geht weiter mit BRICS und: "Wie so oft in seiner Geschichte, wendet sich Rußland, das sich isoliert vorkommt, dem Osten zu."

Anti-Amerikanismus und mit Nationalismus gemischter Patriotismus seien à la mode. Eine kürzliche Umfrage des unabhängigen Moskauer Levada Centre, das durchaus hin&wieder in die Schußlinie des Kreml gelange, habe ergeben, daß 89% der befragten Bürger mit dem Präsidenten einverstanden seien. Im Westen möge man das unglaublich finden, aber die liberalen Strömungen wären marginalisiert und würden mit "Vaterlandsverrätern" in Zusammenhang gebracht.

Was die Krim angehe, so sähe bis hin zu den Opositionellen Alexei Navalny und Mikhail Khodorkovski niemand ihre Rückkehr in die Ukraine. Die ukrainische Herausforderung sei jenseits rationeller Erwägungen angesiedelt. Die Ukraine-Krise habe sich zum Gefühl der Gegnerschaft zum Westen gemausert, meine Denis Volkov, vom Levada Centre.

Was da nicht steht: Dieses Gefühl der erneuten Gegnerschaft, ja Feindschaft Deutschlands gegenüber Rußland ist virulent. Wen wundert das bei der Geschichte? 70 Jahre ist der Zweite Weltkrieg vorbei, die Erinnerungen daran schwelen unter der Decke weiter, kommen schon bei Kleinigkeiten wieder hoch, und erst recht bei diesem Verhalten Deutschlands und seiner Politiker und Medien.

Und Elena Morenkova Perrier wirft uns noch hinterher, daß die Sanktionen sowohl wirtschaftlich als auch politisch China und die USA auf Kosten der EU begünstigten. Der Handel Frankreichs mit Rußland sei im Vergleich zu 2013 um 33,9%  gesunken, Rußland habe mit Gegen-Sanktionen geantwortet, die vor allem die europäische Landwirtschaft träfen. Frankreich sei vom siebenten Platz 2014 auf den achten Platz der Lieferenten zurückgefallen, während China 21,3% des russischen Marktes beliefere.

Man müsse die Beziehungen entideologisieren, jetzt sollte man nachdenken über Maßnahmen zur Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen.

Eine persönliche Ergänzung von mir: Ich schreibe das so ausführlich, weil ich genau um diese Zeit, vor fünfzig Jahren, zum ersten Mal und allein in Moskau angekommen bin, mit dem Zug von Teheran, über Djolfa, Tiflis, Sotschi, bis Krasnodar in einem Waggon für mich allein, an den Fenstern Gardinen mit kleinen Pompoms, die während der Fahrt lustig hin&her schaukelten, einem Samowar, es gab zwei Tage lang Soljanka, und ein Zugbegleiter war allein zu meiner Bedienung abgestellt.


In Moskau habe ich nur freundliche Menschen erlebt, keiner und keine hatte etwas gegen mich als Deutsche, im Gegenteil. Wenn ich Zeit habe, schreibe ich meine Erlebnisse auf, Radebrechen mit hochdekorierten Veteranen, die gestützt auf ihren Stock, im Park ein Schwätzchen hielten, warum ich, die bekennende Linke, trotzdem nicht ins Lenin-Mausoleum wollte, vor dem eine kilometerlange Schlange von Bürgern aus allen Republiken der Sowjetunion geduldig auf Einlaß wartete, wie ich im Kaufhaus Gum eingekauft habe, obgleich ich kein Russisch konnte, und wie ich beim Brotkauf im Hinterhof einer kleinen Gasse, zwanzig Jahre nach Kriegsende in Moskau, geleitet wurde von zwei persisch sprechenden Afghanen, von denen einer der Sohn des Außenministers war.

Ich schäme mich der Politik der Bundesregierung gegenüber Rußland.