10. Oktober 2015

Frankreich. Anti-israelische Berichterstattung im Quantum


Im Publizistikstudium habe ich in den 60er Jahren auch quantitative Analyse gelernt, das heißt, ohne Wertung einfach zu zählen, wie viel Raum den jeweiligen Themen gegeben wird. Unser beliebtestes Opfer war seinerzeit die BILD, vor allem deren Titelseite; an die ging es mit dem Zentimetermaß.

Ich wende die Methode auf einen Artikel meiner Lokalzeitung L'Indépendant, 10. Oktober 2015, Seite 36, über Israel  an. Der Artikel ist nicht online, er ist dreispaltig, 95 Zeilen lang und geschmückt mit einem Foto steinewerfender vermummter junger Männer an der Mauer. Ein Autor ist nicht angegeben, der Text ist von AFP übernommen und redaktionell bearbeitet und gekürzt.
  • Überschrift, fett: La violence gagne Gaza. Die Gewalt erreicht Gaza
  • Untertitel, weniger fett: Six jeunes Palestiniens ont été tués par des soldats israéliens. Vers une nouvelle intifada ? Sechs junge Palästinenser sind von israelischen Soldaten getötet worden. Hin zu einer neuen Intifada?
  • Zwischenüberschrift im Text: "Renforcer et accentuer l'intifada". "Die Intifada verstärken/verschärfen und betonen."
Die Zwischenüberschrift zitiert eine Predigt des ehemaligen Ministerpräsidenten von Gaza Ismael Haniyeh, in einer Moschee.

Wenn man bei Google einen Teil der ersten Nachricht aus L'Indépendant über den Anlaß der Ereignisse angibt, der sich in vier Zeilen, am Anfang des Textes, befindet: "dans le premier acte de représailles contre une vague d'agressions au couteau par des palestiniens". "im ersten Akt der Vergeltungsmaßnahmen gegen eine Welle von Angriffen mit dem Messer durch Palästinenser", erhält man 104 Angebote. Auf Google-Seite 3 sind's noch 17. Es folgen Berichte über die von israelischem Militär getöteten und verwundeten palästinensischen Jugendlichen.

Im vorletzten Absatz bietet L'Indépendant vier Zeilen über die Beerdigung des 19-jährigen Mohammad Halabi, der von Israelis getötet wurde, nachdem er Samstag in der Altstadt von Jerusalem zwei Juden erstochen hatte. Gibt man bei Google "mohammad halabi, 19 ans, abattu" ein, erhält man 472 Angebote, von denen ein kleiner Teil mit denen aus den 104 Angeboten identisch ist. Der Rest erwähnt die ermordeten Juden nicht. Auf 41 Angebote reduziert sich das, auf Seite 5.

Im letzten Absatz folgen acht Zeilen über einen jungen Juden, 17 Jahre alt, der mit einem Messer zwei Palästinenser leicht und zwei israelische Araber schwer verletzt hätte. Ende des Artikels.

Google bietet für "Un juif poignarde quatre Palestiniens et Arabes israéliens", ein Jude sticht auf vier Palästinenser und israelische Araber ein" 13 200 Angebote, die sich bei näherem Hinsehen auf 21 Angebote reduzieren. Bei Seite 3 ist Schluß.

L'Indépendant widmet den gesamten Artikel ausschließlich den palästinensischen Arabern. Juden kommen in 15 von 95 Zeilen als Angreifer gegen Araber vor. Ein Anlaß für die ausgebrochene Gewalt wird in einer Zeile erwähnt. Da der Artikel nicht online ist, möge La Voix du Nord als Beispiel für alle stehen, die über den Anlaß berichten:

Gaza (Territoires palestiniens) (AFP)? 2015

Im selben Augenblick wuchs die Animosität in Israel an, wo ein Jude im ersten Akt der Vergeltungsmaßnahmen gegen eine am Freitag andauernde Welle von Messerangriffen durch Palästinenser auf zwei Palästinenser und zwei israelische Araber einstach [bzw. sie erstach. Man suche es sich aus, es kann beides heißen.]

Au même moment, l'animosité grandissait en Israël où un juif a poignardé deux Palestiniens et deux Arabes israéliens, dans le premier acte de représailles contre une vague d'agressions au couteau par des Palestiniens qui s'est poursuivie vendredi.

Un manifestant palestinien à Gaza 
après des heurts avec les forces israéliennes
Photo : Mohammed Salem, ar-Reuters

Da kann man Russia Today schon dankbar sein. Wie im Indépendant wird der Anlaß in einigen Zeilen erwähnt: Während sich die palästinensischen Messerangriffe gegen die Israelis in den letzten Tagen vermehrt haben, waren sie heute die Tat eines jungen Juden, im Süden des Staates Israel.

Alors que les attaques palestiniennes à l’arme blanche se sont multipliées ces derniers jours contre des Israéliens, elles ont aujourd’hui été le fait d’un jeune juif, dans le sud de l’Etat hébreu.

Ohne vom Inhalt der Berichterstattung zu reden, ist allein die Menge der Erwähnung Israels, seiner Menschen, seiner Politiker und Institutionen, seiner Täter und Opfer, ein Gradmesser dafür wie weit die Medien bereits mit Israel abgeschlossen haben. Virtuell ist Israel für einige schon nicht mehr existent. Den Rest erledigen die palästinensischen Araber in der Dritten Intifada, zumindest virtuell.