10. August 2012

Frankreich. Deutsche linke Medien als nützliche Idioten

Le Figaro scheint neuerdings einen Korrespondenten, der deutsch kann, in Berlin zu beschäftigen; er heißt David Philippot und sieht fern. Das neueste Interview mit dem 93-jährigen Altbundeskanzler Helmut Schmidt gibt's in der Talkshow Menschen bei Maischberger, am Dienstag, den 7. August 2012, wie immer zu nachtschlafener Zeit, ab 22:45 Uhr. Seine liebste Talkerin darf auch jetzt wieder die Äußerungen des Großen Alten entgegennehmen, klug nachfragen, und die Ehrfurcht verbreitet sich als Weihrauch in die Stuben der Gläubigen. Auch in meine; denn während der Olympischen Spiele haben sich die Sender verschworen, auf den sportfreien Kanälen nur Schrott oder die Wiederholungen von letzter Woche vor die Seher zu werfen.

Sandra Maischberger vor dem Dutzend SPIEGEL-Titeln mit Schmidt-Fotos und Karikaturen schafft ihren Interviewpartner aufs Katheder, wo er ausdrücklich und entgegen seinem Selbstverständnis und eigener Gewohnheit zur letzten Instanz aufgebaut wird. Die ARD vermarktet ihn, der nicht zu vermarkten ist, sie zwingt ihn in eine Position, die er nicht einnimmt, und in der er nicht sein will. Papst kann Benedikt XVI. besser. Mit letzter Tatkraft weist er Sandra Maischberger in die Schranken und befreit sich aus der Umklammerung: "Ich bin Außenseiter, bin ein alter Mann!" Der Altbundeskanzler ist in den 50er Jahren "Schmidt Schnauze", der zur vollen Form aufläuft, wenn ihm die politischen Gegner ins Angesicht hinein widersprechen. Heute wirft man ihm wie einem Geier einige tote Brocken hin. Markus Söder legt den Griechen nahe, die Eurozone schnellstens zu verlassen? "Söder? Nein! Der scheint ein besonders großer Fachmann zu sein." Philippe Rösler meint, Griechenland sollte besser die Eurozone verlassen? "Nein!" Philipp Rösler hat das nicht gesagt, sondern erklärt, daß ein Austritt Griechenlands für ihn "seinen Schrecken verloren" habe. Auf ein solches Niveau drückt den Helmut Schmidt ein deutscher linkslastiger Fernsehsender, läßt die Gegnerschaft verkommen zum Urteil über Politiker, die nicht anwesend sind und sich nicht verteidigen können.

In diesen Niederungen ist Helmut Schmidt aber immer noch besser als die politische Elite Frankreichs, und das muß David Philippot fasziniert haben, der als Alternative zur allgegenwärtigen Bundeskanzlerin Angela Merkel nur den nicht-satisfaktionsfähigen sozialistischen Präsidenten François Hollande anzubieten hätte. Der traut sich nun aber nach dem ersten Stahlgewitter nicht mehr so rasch nach Berlin. Der Kettenraucher mit seiner neuen Lebensgefährtin, einer 78-jährigen ehemaligen Assistentin, füllt nicht wie in Frankreich entglittene Schlangen und in Abwässertunneln steckende Kleinkrokodile das alljährliche Sommerloch, sondern er erfüllt den tagespolitischen Bedarf der Franzosen an antideutscher Agitation. Helmut Schmidt sagt's selbst!

Was bleibt bei David Phillipot von 1:13:09 Stunden Interview haften? Helmut Schmidt exclut tout leadership allemand. Er schließe jedes deutsche Leadership aus. Der Artikel ist auf der Website des Figaro online seit dem 9. August 2012, 22:45 Uhr. 15 Stunden später ist er 176-fach verbreitet.

Es ist fast selbstverständlich, daß Helmut Schmidt den vielschichtigen Begriff Leadership, hier kommen in Frage Führung, Leitung, Führerschaft, Herrschaft, während des Interviews nicht benutzt, sondern er spricht davon, daß nach Auschwitz, der "fabrikmäßigen Ermordung von sechs Millionen Juden", und nach dem WKII Adolf Hitlers, die im Unterbewußtsein der Völker Europas hafteten, eine Führung (!) durch die Deutschen nicht in Frage komme. Er scherzt mit Sandra Maischberger um die nächsten 50 Jahre, für die das mindestens gelte; sie wolle ihn, den 143-jährigen dann wieder einladen.

Der Korrespondent und seine Zeitung hätten's aber gern unbestimmt, sie weichen ins Englische aus, man assoziiert die negativ besetzten USA und Großbritannien, die ebenfalls negativ besetzten Begriffe Führerschaft und Herrschaft dürfen nicht fehlen, um eben dieses von Helmut Schmidt erwähnte Unterbewußtsein der Franzosen zu Zwecken der Interessen der Eliten Frankreichs zu aktivieren und wachzuhalten. Die Gedenktage 11. November und 8. Mai reichen nicht aus. Führung = direction, militärisch commandement, unter jemandes Führung / Kommando = sous la direction / le commandement. Also: Helmut Schmidt exclut toute direction, tout commandement, jede Führung, jedes Kommando, von letzterem ist aber nicht die Rede in dem Interview, die mit schlimmen Erinnerungen für viele Franzosen behaftete militärische Interpretation bringt Le Figaro selbst ein. Auf welchen Platz Deutschland stattdessen gehört, ist unter dem Schmidt-Artikel verlinkt. Richard Heuzé, Rom-Korrespondent des Figaro, berichtet am 6. August 2012: Mario Monti hausse le ton contre l'Allemagne. Mario Monti wird laut, erhebt die Stimme, erhitzt sich gegen Deutschland. Aus dem Artikel geht hervor, daß Mario Monti selbst es ist, der die "Germanophobie" schürt, um sich dann besorgt zu zeigen darüber: Il met en garde contre la montée d'un sentiment germanophobe en Europe. Er warnt vor dem Anstieg eines deutschenfeindlichen Gefühls in Europa.

Nach vier Sätzen der Würdigung des Bundeskanzlers 1974 bis 1982 und Kettenrauchers und seiner neuen Liebe geht's unmittelbar nach Auschwitz, zu den sechs Millionen ermordeten Juden und zum Weltkrieg Hitlers. Der Korrespondent rollt das Interview auf von der Killer Assumption, der Totschlagsannahme, unter der ein Projekt der Führung in Europa durch Deutschland nicht realisiert werden könne. Die definiert Helmut Schmidt, genannt le vieux sage, der alte Weise, wiederholt und zur Freude der französischen Politik und Medien auch diesmal wieder ex cathedra; er kommt zu dem Thema etwa in der Mitte des Interviews, nach längeren Ausführungen über die Euro-Feindschaft Englands, die Abwesenheit einer Euro-Krise, es gebe stattdessen eine Schuldenkrise, über zehn Jahre währende Verfehlungen Deutschlands beim Schuldenmanagement, man sei von 60 Prozent auf 85 Prozent des BIP gekommen, Deutschland gehe es gut, aber das werde nicht so bleiben, nach Anmerkungen über Inflation (es gebe keine), den Abschwung der deutschen Wirtschaft 2012 usw.

Für die Leser des Figaro, eingestimmt in ihre antideutschen Erinnerungen oder Ressentiments, handelt David Phillipot den Rest im Lichte der deutschen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab. Und wieder gebraucht er für Führer, Leiter, für denjenigen, der die Richtung vorgibt, den englischen Begriff leader, französisch chef, directeur oder meneur. Wenn man bedenkt, daß die Franzosen mit ihrer Sprache noch pfleglicher umgehen als Philipp von Zesen mit der deutschen, daß sie jeden Anglizismus bekämpfen, e-mail courriel nennen, London Londres, PC ordinateur, dann sollte man stutzig werden, wenn plötzlich zugunsten des Englischen entschieden wird, gar eigens dem Englischen nachempfundene Begriffe, wie peopolisation gebildet werden. Solche englischen Begriffe werden in allen Fällen politisch eingesetzt und verheißen Angriff; peopolisation beispielsweise ist ein Kampfbegriff der Linken gegen Nicolas Sarkozy, leader und leadership sind Begriffe, die aus der Eurozone hinausweisen, vom Thema der Führung in der Eurozone ablenken.

Die angeblich konservative Zeitung Le Figaro, ihr Besitzer ist der UMP-Senator Serge Dassault, bedient sich im Verlauf des Artikels zur Erhärtung des germanophoben Ressentiments einiger linker deutscher Medien, die also nicht nur eine innenpolitische Funktion in Deutschland haben, deutsche Leser zu indoktrinieren, sondern die den französischen Interessen gegenüber Deutschland und seiner Bevölkerung direkt in die Hände arbeiten. Man sollte es kaum glauben, aber David Phillipot zitiert die Berliner Zeitung aus der Kölner Mediengruppe DuMont, Motto: Mit jedem Zeit(un)geist Geld verdienen. Schon vor 1933 für Adolf Hitler, florierend zur Nazi-Zeit, NSDAP-Mitgliedschaft seit 1937 des Firmenchefs und Arisierungsgewinnlers Kurt Neven DuMont. Die heute linkslastigen Blätter mit dem Auflagenschwund passen in die Argumentationskette der französischen Politik, die nicht bereit ist zu Strukturreformen. Die Berliner Zeitung frage sich: "Peut-on encore parler d'Europe démocratique, égalitaire et diverse quand, sous la houlette de l'Allemagne, on impose aux pays du Sud de la zone euro, comme s'ils n'avaient pas le choix, la politique d'austérité échafaudée à Berlin et mise en œuvre par de prétendus gouvernements d'experts?"

"Was hat es noch mit einem demokratischen, vielfältigen und gleichberechtigten Europa zu tun, wenn unter deutscher Führung die in Berlin ersonnene Sparpolitik den südlichen Ländern der Eurozone als alternativloser Sachzwang aufgedrängt und durch sogenannte Expertenregierungen exekutiert wird?"

Dieses Zitat aus einem Leitartikel von Holger Schmale findet man am 18. November 2011 in den DuMont-Blättern Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau. Der Leitartikler bezieht sich auf Timothy Garton Ash, das ist derjenige, den Pascal Bruckner ebenso wie Ian Buruma einen rassistischen Antirassisten nennt: "Es lässt sich nicht leugnen: Die Feinde der Freiheit kommen zuerst aus den freien Gesellschaften, aus einem Teil jener aufgeklärten Eliten, die der übrigen Menschheit - ja sogar den eigenen Mitbürgern - den Genuss demokratischer Rechte verwehren, falls diese das Pech haben, einer anderen Religion oder Ethnie anzugehören als sie selbst," beginnt der französische Essayist und Schriftsteller Pascal Bruckner seine Kritik an diesen beiden und ihren Auslassungen über Ayaan Hirsi Ali und Theo van Gogh: Fundamentalismus der Aufklärung oder Rassismus der Antirassisten?

Die französische Gesellschaft und ihre Eliten beziehen sich gern auf solche Feinde der Freiheit, was immer wieder deutlich wird, ob innenpolitisch in den Kampagnen gegen Alain Finkielkraut und Robert Redeker oder außenpolitisch in der Verurteilung der USA und Israels: Frankreichs Eliten sind darin führend. Arrogant und hochnäsig richten sie im vermeintlichen Vollbesitz moralischer Überlegenheit über alles und jedes, die Sicht auf Tatsachen und die Fähigkeit, diese zu bewerten, ist ihnen seit Jahrzehnten verstellt. Ihre Äußerungen nehmen bisweilen groteske Formen an, was man im Artikel Le Louvre oder: Frankreichs Elite versinkt in Neid, Haß und Realitätsverlust nachlesen kann. Le Figaro des UMP-Senators Serge Dassault reiht sich nahtlos ein in die Riege der Traumtänzer.

Seinen Korrespondenten wird es freuen, daß ATTAC Berlin den Leitartikel des Holger Schmale positiv notiert, und auch, daß n-tv und drei linke Blogger das Zitat für bemerkenswert halten. In Frankreich sind inzwischen alle Politiker und alle Medien politisch links, vom Front de Gauche bis zum Front National, vom Rivarol bis zur Libération, sie fordern die Tobin-Steuer, entmachten die "Reichen" durch Enteignung mittels Steuerschraube, sie berufen sich auf linke Philosophen und Publizisten, und alle zusammen eint ihr Nationalismus, es gibt nationalen und internationalen Sozialismus in Frankreich, im 20. Jahrhundert heißen diese Strömungen Nationalsozialismus und Kommunismus: "Hoch die internationale Solidarität!"

Aus den Anwürfen linker Leitartikler verallgemeinert David Phillipot einen Anwurf von überall: "Deutschland sieht sich regelmäßig dem Vorwurf ausgesetzt, seine Sparpolitik ganz Europa aufzuzwingen. Die Kanzlerin mag wiederholen, daß Deutschland keinen Vorherrschaftswillen habe, es vergeht keine Woche, ohne daß Berlin sich zurückgeworfen sieht auf seine Vergangenheit der Hauptstadt des Dritten Reiches."

Als nächste Publikation zitiert der Korrespondent den linken SpiegelOnline, der den "Vorherrschaftsinstinkt der Deutschen" thematisiert. Woher hat SpiegelOnline das? Richtig, von der Berliner Abteilung des linken European Council on Foreign Relations (ECFR). Der schilt heute eben locker "die Märkte, sie haben die Angewohnheit, unrecht zu haben, wenn sie Entscheidungen von Politikern analysieren, die versuchen, die Euro-Krise zu beheben. Nun haben sie zu verstehen gegeben, daß sie enttäuscht sind von den Worten Mario Draghis, und sie haben wieder unrecht." Da kann man nichts machen, zwar behauptet Helmut Schmidt, es gebe gar keine Euro-Krise, sondern eine Schuldenkrise, zwar beweisen die Märkte seit eh&je, daß sie sich von den Finten der Politiker nicht beeindrucken lassen, aber linke Ideologen wissen es einfach besser. Die Quelle der Ideologie ist in diesem Fall CNN, ein mit dem Figaro besonders verbundener Fernsehsender der USA. Gemeinsam mit CNN macht Le Figaro 2008 Wahlkampf für Barack Obama. CNN Anchor Man Jonathan Mann hat eine eigene Kolumne, Philippe Gélie und Jean-Louis Turlin seifen die Leser ein mit Märchen über The One. The Council on Foreign Relations ist eine Organisation der US-Demokraten. Wer mehr darüber wissen möchte, der schaue bitte bei Discover the Networks.

Es ist faszinierend zu sehen, wie beflissen grundsätzlich anti-amerikanisch gepolte Journalisten sich von US-amerikanischen Organisationen und Medien der Demokraten lenken lassen in ihrer Meinung, die Interessen der USA als ihre eigenen verkaufen, und damit ihre Gesellschaft, Frankreich und Europa gleich mit. Organisiert wird das seit Oktober 2007 im angeblich unabhängigen ersten pan-europäischen Think Tank. Dieser Think Tank macht sich daran, Deutschland so in Europa zu integrieren, wie das die USA und Frankreich gern hätten. Nicht zufällig stimmen sie mit den europäischen Südländern Griechenland, Italien und Spanien überein. ECFR Berlin legt ein Forschungsprojekt Germany in Europe (GiE) auf, Deutschland in Europa, und untersucht innerhalb dieses Rahmens Deutschlands sich verändernde Rolle in der EU. "Die Absicht des Projektes ist, Ideen zu erhalten dazu, wie man Deutschland wiedereingliedern [!] kann in den Prozeß der Entwicklung eines weltweit zustimmenden und verantwortlichen Europas." Das Projekt leitet die 1964 geborene Dr. Ulrike Guérot, die ihren Titel mit einer Dissertation über den französischen Parti Socialiste erworben hat. Johns Hopkins University, Baltimore, Organisation Notre Europe, Paris, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Berlin, und German Marshall Fund, Washington/Berlin, sind ihre Karrierestationen. 2003 wird sie in Frankreich für ihren Einsatz für die Integration Europas mit dem Ordre pour le mérite ausgezeichnet, weiß Wiki.

Man kann es kaum glauben, aber das Anliegen im April 2011 ist Die neue deutsche Frage: Wie kann Europa das Deutschland bekommen, das es braucht. Europa? Wer in Europa? Welche Menschen in welchen Mitgliedsstaaten? Die Eliten? Die Mittelschicht? Die "Reichen"? Die Italiener? Der ECFR beschäftigt sich wie die Deutschen zu NS-Zeiten mit der Judenfrage heute mit der deutschen Frage. Weitere Themen sind, im Juni 2011: "Was denkt Deutschland von Europa?" ("Was denkst du jetzt von mir?" fragt sie nach der ersten Nacht), eine Essay-Sammlung mit Beiträgen deutscher Experten. Es folgt die Veröffentlichung "Der lange Schatten des Ordoliberalismus: Deutschlands Herangehensweise an die Euro-Krise." Da gibt es sie also doch. Und daß Deutschland denken kann, das ist auch eine Formulierung, die französischer nicht sein könnte, um niemals präzise zu werden. Deutschland kann nicht denken, das können nur Menschen, aber die werden von vornherein und schon im Titel eliminiert. Anders kann man die deutsche Gesellschaft auch nicht hinbiegen, wie die französischen Eliten alias "Europa" sie braucht.

Wie europäisch ist das neue Deutschland? fragt Dr. Ulrike Guérot, Ende 2010: Wieviel Europa darf es sein? Dazu äußern sich allseits bekannte Persönlichkeiten: Joschka Fischer, ehemaliger Außenminister und Co-Vorsitzender des ECFR, Sylvie Goulard, Mitglied des Europaparlaments, Allianz der Liberalen und Demokraten, der Demokrat John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter, Quentin Peel, Financial Times, Philipp Mißfelder, CDU-Bundestagsabgeordneter und Außenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Veranstaltungsort ist das Hotel Adlon, sehr französisch das erste Hotel am Platze.

Der Philosoph Jürgen Habermas und wieder Joschka Fischer et al. nehmen im April 2011 teil an einer Podiumsdiskussion "Europa und die Wiederentdeckung des deutschen Nationalstaates". Die beiden werden darauf geachtet haben, daß Deutschland sich nicht etwa so als Nationalstaat versteht wie Frankreich, denn Helmut Schmidt hätte sonst umgehend warnend nach Auschwitz weisen, an die sechs Millionen Juden und den Hitlerschen WK II erinnern müssen, und dann wäre ruckzuck Schluß mit jedem Nationalstaatsgedanken gewesen. Solange aber Deutsche darüber wachen, daß sich für den Nationalstaat, den deutschen, wohlgemerkt, keine Sympathien regen, braucht es den Politikern und Medienschaffenden Frankreichs um ihren Nationalstaat nicht bange zu sein.

Und damit zurück zu David Phillipot, der nicht mit einem einzigen Nebensatz die Gründe für die Schwäche der Wirtschaft Frankreichs benennt, die aus dem Ancien Régime überkommene Staatsstruktur, die seit Louis XIV nicht geändert worden ist, davor steht schon Sébastien Le Prestre, Marquis de Vauban (1633 - 1707) machtlos und stirbt darüber verbittert. Die französischen Eliten setzen all ihre intellektuellen Fähigkeiten daran, ihre Umwelt dem maroden System dienstbar zu machen, sie bilden immer neue staatliche Strukturen, sie schaffen Kommission um Kommission, ein kompliziertes Versorgungssystem für verdiente Funktionäre, das System funktioniert parteiübergreifend.

Um ihrem Volke, das dabei immer mehr ausgepreßt wird, die Sinne zu vernebeln, bemühen sie Persönlichkeiten wie den greisen Helmut Schmidt, einen Deutschen, der ihnen vermeintlich recht gibt, der daran erinnert, daß Deutschland ja auch zuviele Schulden macht. Die dummen Deutschen wissen nicht, wie sie das Vakuum füllen sollen, das vom sklerotischen Frankreich gelassen wird? Sie wissen es wohl, aber Frankreichs Eliten tun alles, Deutschland die ihm gebührende Rolle nicht einnehmen zu lassen. Es geht nicht darum, Europa zu dominieren, sondern es wieder auf die Beine zu kriegen. Mit Schuld und Verantwortung für Auschwitz und sechs Millionen ermordete Juden muß Deutschland sich auseinandersetzen. Frankreichs Politiker, die 76 000 Juden über Drancy in die Vernichtungslager haben transportiert lassen, sollten sich mäßigen. Ihre jährlichen Feiern des Sieges über Deutschland sind eitel Hybris.

Le Figaro täte gut daran, nicht Helmut Schmidt zu bemühen, sondern seine Korrespondenten und Redakteure zum selbständigen Denken zu ermahnen. Beschimpfung der Deutschen und Deutschlands führen zu nichts. Vor der eigenen Türe zu kehren, das eigene Haus zu ordnen, das stünde an. Dabei käme vielleicht einiges zu Tage, was keinem Politiker gefällt, nämlich die eigenen Versäumnisse, die Realitätsverweigerung, die Arroganz. Zu diesem Thema wird man keine Forschungen des ECFR sehen. Dazu wird die große private Stiftung Mercator ("Integration, Klimawandel und Kulturelle Bildung") dem von ihr geförderten ECFR kein Geld geben. Sie ist auf dem interkulturellen Trip: Vielfalt in Schulen, und das ist kein Zynismus, dabei macht das Jüdische Museum Berlin mit. Zu Zeiten des muslimischen Juden- und Israelhasses in Deutschland und Europa wird die Augenwischerei immer subtiler. Es geht einmal mehr darum, daß "die Lehrer_innen ... sich in der Einwanderungsgesellschaft auf die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven ihrer Schülerinnen und Schüler einstellen und diese im Unterricht berücksichtigen." In Deutschland muß sich niemand anstrengen, integrieren heißt, daß das Lehrpersonal sich an die Gepflogenheiten der Immigranten anpaßt. Nicht die Schülerinnen und Schüler haben sich auf unsere Gesellschaft einzustellen, sondern wir uns auf sie. Und auf Frankreich und dessen Gepflogenheiten der Staatslenkung haben wir uns ebenfalls einzustellen, Auschwitz mahnt.

Man ahnt ja gar nicht, wie ich die Nase voll habe davon!