18. August 2012

Max Raabe in Israel und deutsche Befindlichkeiten


Im Berliner Wintergarten Variété werden am 28. und 29. Mai 1993 von einem mir unbekannten Sänger Max Raabe, begleitet vom Palast Orchester, Lieder aufgenommen, "oder wie man zu deutsch sagt: Songs", würde Paul O'Montis vielleicht säuseln. Ein Freund, der in Berlin dabei ist, besucht mich, die ich zu der Zeit in Paris wohne, einige Monate später und bringt mir Volume 3, die CD mit dem Song Kein Schwein ruft mich an. Er will mir eine Freude bereiten, er weiß nämlich, daß die Lieder, die Max Raabe singt, seit langem meine Favoriten sind. Wie lange, das weiß er nicht, als er mich besucht sind das mehr als 45 Jahre, heute sind's 65.

Als im Ostwestfälischen der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) nach dem Zweiten Weltkrieg zu hören ist, öffnet sich für mich eine neue, aufregende Welt. Richard Tauber, Joseph Schmidt, Friedrich Hollaender, Curt Bois, Lilian Harvey&Willy Fritsch und viele andere, die während des Dritten Reichs verboten sind, tönen bis ca. Mitte der 50er Jahre durch den Äther. Die Besatzer, unter ihnen deutsche Juden aus der Emigration, bringen die Schätze mit oder graben sie in Kellern und Archiven aus, wer weiß. Ralph Benatzkys Lied Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin, mit Wiener Timbre gesungen von Oskar Karlweis, zuerst im Mai 1930, ist eines meiner Lieblingslieder. Es handelt von einem, der in ein armes Mädchen verliebt ist, in eine süße Kleine, die ein weißes Seidenkleid trägt, so eines, wie ich es besitze für sonntags. Und wen er meint? Mich meint er, mich! Egal, daß es sich im Lied um eine Schuhverkäuferin handelt, mit 80 Frangsalär in der Woche, aufregend, was das wohl ist, Frangsalär. Ich habe in der Woche Drangsalär: Elternschelte und Schulaufgaben, "Schuka".

Meine Begeisterung für die Musik der 20er Jahre wächst, als ich als Studentin Anfang der 60er Jahre, lange vor Beginn der Nostalgiewelle, Robert "Bob" Biberti in Berlin kennenlerne, er ist Antiquitätenhändler und verkauft schöne alte Möbel. Manchen Abend sitzt er im Tattersall beim Boxer Franz Diener, Grolmannstraße / Savignyplatz, und bemitleidet sich. Ich lausche ergriffen den Geschichten über sein und das Schicksal der fünf anderen Comedian Harmonists. Seit Eberhard Fechners Film und Buch bin ich eines Besseren belehrt. Dieser Sänger, er ist wie Ari Leschnikoff und Erwin Bootz nicht jüdisch, bleibt während des Dritten Reiches in Deutschland, hält sich für ein Teil der "Substanz der Gruppe", eine "Säule des Ensembles" und singt von 1935 bis 1941 unter einem Meer von Hakenkreuzfahnen im arischen Meistersextett Drüben in der Heimat, da blüht ein Rosengarten, von Eduard Künneke. Den Namen Comedian Harmonists zu führen, wird dem neuen Sextett von der Reichsmusikkammer verboten; dessen Leiter ist ein gewisser Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Raabe, aus Aachen. Gegenüber Eberhard Fechner bekennt Robert Biberti: "Das gewisse Etwas war nicht mehr da." Und dieses fehlt seit der wiederbeginnenden Kulturproduktion in Deutschland bis heute. ARD und ZDF dokumentieren den Verlust täglich mit ihren Sendungen fürs deutsche Gemyth.

Im Krieg schlägt sich Robert Biberti als Soldat in der Etappe durch, verwaltet das Vermögen der Gruppe, die entgegen seinen Angaben nicht von ihm, sondern von Harry Frommermann gegründet worden ist, enthält den emigrierten Juden ihren Anteil vor, einer lebt in Australien, geht juristisch gegen die drei Emigranten Harry Frommermann, Erich Abraham-Collin und Roman Cycowski vor, die den Namen Comedian Harmonists weiterführen, ist empört, daß Harry Frommermann nach dem Krieg seine Anstellung beim RIAS verhindert, beantragt die Anerkennung als Verfolgter des Nazi-Regimes und erhält doch tatsächlich eine Kapitalentschädigung.

Max Raabe, bürgerlichen Namens Matthias Otto, Jahrgang 1962, bemüht sich im Mai 1993, das Flair des Liedes an die "kleine Verkäuferin" zu vermitteln, aber dazu kommt es durch die ächt Berliner Bläser des Palast Orchesters nicht, der Lärm ihrer Schrammelmusik zerstört mir den Genuß. Auch die anderen Lieblingslieder, wie Oh, Donna Clara, Musik von Jerzy Petersburski, Text von Löwy Bedrich alias Fritz Löhner-Beda, dem Librettisten von Franz Léhar, Gesang Comedian Harmonists, habe ich besser im Original, auf CD. Die wunderbaren Schlager sind erhältlich bei duophon-records, in Berlin. Norbert Noritz betreibt sein Musik Antik am Weidenstieg, in Hamburg-Hoheluft, leider nicht mehr. Das ist viele Jahre immer ein prima Fundort gewesen. Danke dafür!

Jetzt aber wird alles anders

Am Mittwoch, den 15. August 2012, gibt's im Bayerischen Fernsehen einen Film Max Raabe in Israel. Der Sänger und sein Palast Orchester, das nichts mehr gemein hat mit den Schrammlern von einst, gastieren zweimal in Tel Aviv und je einmal in Haifa und Jerusalem. Berlin-Brandenburger haben mir voraus, diesen Film schon zur Eröffnung des 18. Jüdischen Filmfestivals Berlin & Potsdam, im Juni 2012, zu sehen. Ein Kurzfassung gibt es bei YouTube.

Der Film bringt Interviews mit deutsch-israelischen Juden und mit Max Raabe, der auch von einer israelischen Soldatin interviewt wird, sowie Auftritte des Sängers und seines Palast Orchesters. Regie führen Brigitte Bertele und Julia Willmann, in Israel, Sabine Scharnagl und Bettina Hausler, in München. Die Gesamtregie hat Sönke Wortmann. Es ist eine Gemeinschaftsproduktion von BR, RBB, SWR. Jakob von Moers leitet die Aufnahmen der Interviews mit Max Raabe. Die ARD läuft endlich einmal zur vollen Form auf, selten genug ist das!

"Wir sind Deutsche, die ein sehr deutsches Programm spielen, und seh'n dann auch noch so aus," meint Max Raabe. Während des Fluges, er sitzt in der Reihe vor Max Raabe, wird Shimon Yaron interviewt, er ist Jahrgang 1920 und mit 15 Jahren von Berlin nach Palästina ausgewandert. 2010, zur Zeit der Reise, ist er 90 Jahre (sieht aus wie Anfang 70). Er freut sich auf das Konzert. Max Raabe: "Wir halten die Namen wach, Namen die vergessen gemacht werden sollten. ... Die Reporter waren sehr interessiert. Wir haben ja auch israelische Reporter zum Konzert nach Berlin eingeladen, um Fragen zu beantworten, auch, wie reagieren die Israelis darauf."

Eine Soldatin der IDF erklärt Max Raabe im Interview, daß ihre Großeltern, Überlebende des Holocaust, deutsch nicht mehr hören können, sie fragt, ob er solches als Problem sehe: "Macht Ihnen das Sorge?" Er verweist darauf, daß die deutsche Sprache viel älter ist als die Zeit des Dritten Reiches: "Die jüdischen Textdichter haben in ihrer Muttersprache geschrieben." Er weist darauf hin, daß es eine Schande ist, daß wir unsere eigene Kultur zerstört haben. Ergänzt könnte werden, daß das Jiddische aus der deutschen Sprache entstanden ist. Ashkenazim = die Deutschen, nämlich die deutschsprachigen Juden. Er wird von Israelis gefragt: "Warum kommen Sie nach Israel und singen deutsch? Mit der Frage hätte ich rechnen können, hab' ich aber nicht." Er hat sich das aber vorher doch gefragt und Rat dazu bei Marcel Reich-Ranicki eingeholt: "Was hab' ich da zu suchen, brauchen die das, daß ich als Deutscher jetzt dahin komme? ... Es war die Muttersprache dieser Künstler. Warum soll ich sie ein zweites Mal ihrer Muttersprache berauben?" Wohl wahr, wenn man Schicksale wie das von Paul Abraham, Leo Monosson oder Richard Tauber bedenkt, dreier Künstler, die im Gegensatz zu vielen anderen von den Nazis zumindest nicht physisch vernichtet worden sind.

Niemand hat Paul Abraham zum Abschied die Hände gereicht, im Gegenteil, sein Hausangestellter, dem er sein unveröffentlichtes Werk bei seiner Abreise zur Aufbewahrung anvertraut, verhökert die Blätter an drittklassige Epigonen. Die verballhornten Klänge kann er in den nächsten Jahren manchmal hören und kaum wiedererkennen. Er wird zum Jonny, zieht durch die Welt, zunächst nach Wien, dann nach Paris, Havanna und illegal nach New York. Irgendwann im Jahr 1946 greift man ihn dort auf, wo er mitten auf der Madison Avenue ein großes imaginiertes Orchester dirigiert. Nach zehn Jahren in einer Psychiatrie kehrt er auf Veranlassung von Freunden nach Deutschland zurück, wo er vom deutschen Staat 500 DM "Wiedergutmachungsrente" erhält. Mit der Auszahlung seiner Honorare und Tantiemen läßt man sich Zeit. Paul Abraham lebt noch vier Jahre in Hamburg, wo er am 6. Mai 1960 stirbt.

Richard Tauber erfährt vom Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich in Mailand, im März 1938. "Der Künstler schloss sich daraufhin drei Tage lang ein. Drei Tage lang saß er nur an seinem Klavier. Er sprach nicht. Er aß nicht, und er sang nicht. 'Er war gebrochen'," schreibt seine Biografin Evelyn Steinthaler zu seinem 120. Geburtstag, zum 16. Mai 2011. Er emigriert 1938 nach London, kann dort weiter in seinem Fach auftreten, gibt Konzerte in London, Washington, Hollywood, Südafrika und führt ein erfolgreiches Leben. Seine letzte Aufnahme, mit dem Georges Malachrino Orchestra, ist There is no end, am 12. September 1947. Musik: Rex Burrows, Text: Paul Sievier. Richard Tauber begreift dennoch bis zu seinem Tod, am 8. Januar 1948, nicht vollständig, was er in London zu suchen hat.

Weder Paul Abraham noch Richard Tauber werden nach dem Krieg gebeten, nach Berlin oder Wien zurückzukehren.

Leo Monosson, geboren in Moskau, am 7. Dezember 1897, flieht über Paris und Spanien in die USA, dort arbeitet er als Briefmarkenhändler. 1952 stellt er in Berlin einen Antrag auf Entschädigungszahlung: "Es gelang mir nach 1933 nie mehr, durch Gesang Geld zu verdienen. Meine Vortragsart war durch deutsche Kultur entwickelt und woanders fremdartig und unpopulär." Im Gegensatz zu Robert Biberti hat er nichts erhalten. Er stirbt am 22. April 1967 auf Jamaika.

Und was die Hamburger Gebrüder Wolf angeht, denen wird im Dritten Reich verboten, ihre eigenen Schlager zu singen, die seien deutsches Volksgut. Hier ein Beispiel: Snuten und Poten, von 1917.

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund tritt Max Raabe in Tel Aviv auf, in der israelischen Oper. Sie ist bis auf den letzten Platz und die Strapontins gerammelt voll mit 1000 Besuchern. Den Sänger und sein Palast Orchester empfängt Beifall. Er spricht einige hebräische Worte, was das Publikum begeistert: "Guten Abend, meine Damen und Herren, erew tov l'kulam." Und weiter auf hebräisch: "Mein Name ist Max Raabe. Und jetzt kommt eine Komposition von Fritz Kreisler. Mit einem Text von Ernst Marischka. Die Liebe kommt. Die Liebe geht." Das ist auch ein Titel der Comedian Harmonists - und das, was daraus die deutsche Unterhaltungskultur heutzutage schafft, wird von Stefanie Hertel gesungen. Da schaut frau doch besser gleich Sturm der Liebe!

Ich bin beeindruckt vom verbesserten Sound, es müssen Jahre harter Arbeit gewesen sein, die Sänger von einst wären erstaunt, könnten sie Gesang und Orchesterbegleitung hören.

Er singt das Lied des Jan Kiepura, des Ehemannes von Marta Eggerth, sie lebt noch, am 12. April 2012 ist sie 100 Jahre alt geworden: Heute Nacht oder nie!, französisch Cette nuit, mon amour, Musik: Mischa Spoliansky, Text: Marcellus Schiffer. Gezeigt werden zwei vom Gesang gerührte Juden. Im Anschluß an das Konzert spricht eine alte Dame mit dem Sänger fließend deutsch, sie überreicht ihm Kopien alter Fotos von Jugendlichen, die im Dritten Reich im Zug sitzen, um nach Palästina auszureisen.

Max Raabe bekennt, daß er alle solche Informationen in dem Moment nicht fassen und verarbeiten kann. Die Ausmaße des Geschehens, für das jeder einzelne Jude dort steht, die habe er nicht begriffen: "Und die stehen dann da und sind so warmherzig," meint er im Interview, und ergänzt, wenn er es da begriffen hätte, wäre ihm wahrscheinlich sein Auftritt nicht mehr möglich gewesen. "Das bin ich!" zeigt Hanna Schächter, geboren in Berlin und ebenfalls Jahrgang 1920, mit 16 Jahren nach Palästina ausgewandert, auf Jugendliche des Titelblattes eines Buches in hebräischer Sprache über den Exodus der Juden aus Deutschland, den "Aufbruch" in einem "Judenzug", wie die Nazis den genannt hätten, nach Genua, aber das wisse sie nicht mehr genau. Sie erzählt in fließendem Deutsch. Es ertönt kurz "Heute Nacht oder nie", und sie ruft in einer Mischung von Glück und Schmerz: "Und darum lieb' ich Berlin!"

Israel ist für Max Raabe die größte Herausforderung, und so ist er froh und erleichtert, daß seine Konzertreise ein Erfolg ist. Er freut sich über das schöne Land Israel und seine so offenen Bewohner, über die wunderbare Atmosphäre. Shimon Yaron, der Herr aus dem Flugzeug, kommt noch einmal zu Wort. Er ist im Juni 1935 aus Deutschland fort. Jetzt liest er aus einem Brief seiner in Deutschland zurückgebliebenen und später ermordeten Mutter vor, vom 1. August 1936, an ihren "lieben Willi", und in dem Brief schreibt sie: "Was kann ein Mensch doch alles ertragen." Shimon Yaron kann nicht weiterlesen. Max Raabe spürt oder besser, er ahnt, was es heißt, ausgeschlossen zu sein: "Das kannte ich bisher nicht."

Dann ist er auf dem Markt, im Hintergrund Menschen, darunter eine Muslimin im Hejab. Es geht weiter mit Will Meisels erstklassig präsentiertem Lied von 1928 Dort tanzt Lulu. Das ist ein gewagtes Unterfangen, denn Will Meisel ist ab 1. Mai 1933 bekennender Nationalsozialist. Vielleicht meint Max Raabe ja, die Glöckchen reißen's raus? Jedenfalls geht's auf den Märkten von Tel Aviv auf die Suche nach einem bestimmten Glöckchen, weil ein Orchestermitglied seines zu Hause vergessen hat. Jaron Schächter, geboren 1978 in Münster, Enkel von Hanna, liest aus den Pressestimmen der israelischen Zeitungen zum Konzert vor. Positiv erwähnt werden seine ersten hebräischen Worte zu Beginn des Konzertes. Dann gibt's einen Blick auf eine Fahrt durch die Wüste und ans Tote Meer, wo sich alle einschlammen, im Hintergrund ertönt das von den Comedian Harmonists, arrangiert von ihrem Pianisten Erwin Bootz als erste auf deutsch gesungene Lebewohl, gute Reise, Musik: Rolf Marbot, Text: Louis Poterat, französisch Au revoir, bon voyage.

Nach dem Schlamm folgt der Schnitt zu "Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt", Musik: Robert Katscher, Text: Karl Farkas und Géza Herczeg, 1930 gesungen von Kurt Mühlhardt, auch gespielt vom Orchester Paul Godwin alias Pinchas Goldfein, dem "Stehgeiger", und anderen, Austin Egen, Klavier: Hans Sommer. Dann geht es zu einem Interview mit Margot Wohlmann-Wertheim, geboren 1927 in Fulda. Auch sie hat einen Karton voller Material aus der Zeit, Fotos und Zeitungsausschnitte, Anordnungen über das Verhalten von Schutzhäftlingen und deren Angehörigen, alles aufgehoben. Jetzt liest sie daraus vor: "Liebe Flora, ich bin hier in Dachau, und geht es mir gut. Wenn Du mir schreibst, lies bitte vorher genau die Anweisung auf der Rückseite dieser Karte ..." Sie spricht vom Beginn der Nazi-Herrschaft, da Juden aus Deutschland vertrieben werden sollen, in dem man ihnen das Leben schwermacht. "Jemand, der beweisen konnte, daß er für ein anderes Land ein Visum hat, der durfte raus." Margot Wohlmann-Wertheim und ihr Ehemann bekommen ein Visum für England. "In Deutschland war ich ein Saujude, und wie ich nach England kam, war ich ein Bloody German, und wie ich nach Israel kam, da war ich ein Anglo-Saxon, wie man hier die englischsprechenden Juden nennt."

Max Raabe spricht über sein Problem, daß er das, was er so gern macht, nämlich diese Lieder der 20er und beginnenden 30er Jahre zu singen, nicht kann, "ohne das die ganze Zeit mit mir herumzutragen. Also, es ist vertrackt, es ist wahnsinnig schwer manchmal, daß man diese Verantwortung die ganze Zeit mit sich trägt und die Schwierigkeit hat, einfach nur Musik machen zu können; man kann nicht einfach nur Musik machen, die Musik ist nicht unschuldig." Nach allem, was ich von den nun von Max Raabe präsentierten Musikern weiß, haben sie schon vor dem Dritten Reich nicht "einfach nur Musik" machen können.

Eine alte Jüdin kommt im Gespräch mit Max Raabe auf Claire Waldoffs "Hermann heeßt er" und Ein Neanderthaler, von Friedrich Hollaender und Günther Neumann, hinter der Bühne singt ein fast 100-jähriger Jude mit ihm Es wird in 100 Jahren wieder so ein Frühling sein, Musik: Nico Dostal, Text: Robert David Winterfeld alias David Weber alias Robert Gilbert, Gesang: Max Mensing, aus dem Jahr 1931. Max Raabe freut sich auf der Terrasse des King David Hotels (?) über das schöne Wetter in Israel, er genieße es, in Berlin seien es 8°. Als er und sein Orchester nach der Landung zum Hotel gefahren seien, habe er gedacht: "Aha, das ist jetzt das Gelobte Land, mit Autobahn." In Jerusalem besichtigt er die sehr touristische Grabeskirche, "und in der Grabeskirche war ich meiner eigenen Religion noch nie so fremd wie dort." Als aber der Busfahrer im Vorüberfahren auf Nazareth zeigt, ist er wieder versöhnt mit seinem Glauben. Es folgt der übliche Blick auf die Klagemauer mit schwarzgekleidetem bärtigen Juden samt seinem breitkrempigen Hut, die Kamera schweift auf einen größeren Ausschnitt mit mehreren Männern, dann wieder auf Löckchenjuden, es folgen Eindrücke von Max Raabe über die vielen Religionen in Israel, die Uneinigkeit der christlichen Gemeinden, so daß auf den Schlüssel der Grabeskirche seit Jahrhunderten ein Muslim achtgebe.

Schnitt: "Du bist nicht die erste, du mußt mir verzeih'n, aber meine letzte, die könntest du sein." 1931. Musik: Walter Jurmann, Text: Rudolf Bernauer und Rudolf Österreicher. 1931 singt Kurt Mühlhardt den Refrain. Dann folgt das erste Interview mit einem jüngeren Israeli, mit einem ausgezeichnet Geige spielenden Emmanuel Witzthum, geboren 1975 in Israel. "Es ist so, als spreche ich nochmal mit meinem Großvater. Für mich ist diese Musik, wenn es glücklich ist, wenn es Trauer ist, wenn es ein Tango ist, es ist immer, immer, immer ein Abschied, und deswegen ist es unglaublich stark - im Herz, also so [er ballt die Faust], es kratzt mein Herz jedes Mal, jedes Mal. Es ist wirklich wie eine riesengroße Trauer für etwas, die ich nicht kenne, oder eine Sehnsucht nach etwas, die niemals da war. Ich glaube, daß bei uns als dritte Generation Israelis, die durch Deutschland oder Europa gekommen sind, und unsere Wurzeln, meine ich, das ist jedes Mal eine Gefühl, die - wir können nicht lösen, also, das ist jedes Mal ein sehr starkes Gefühl, das hat nichts zu tun mit unserem Leben und mit unserer Realität."

David Witzthum, geboren 1948 in Israel, der Vater von Emmanuel, ein Journalist, spielt ein Stück von Max Raabe in seiner Fernsehsendung. Anwesend außer ihm sind vier oder fünf Personen vom Team, als das Stück läuft, lassen alle das fallen, was sie eben tun, und hören zu: "Es war Stille! Stille! Total zugehört, die haben das so schön gefunden. Die sind alle junge Leute, ja, und immer haben wir eine ganz große Auseinandersetzung mit dem Schaltraum, die wollen immer pünktlich, daß wir enden, genau pünktlich, und wir haben immer so'n Streit mit denen, noch eine Minute, noch eine Minute, 20 Sekunden usw. und in dieser Sache zum ersten Mal, seit es Fernsehen in Israel gibt, hat er uns gesagt: Nimm noch eine Minute, spiel das zu Ende. Das hab' ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Es hat eine bestimmte Kraft, nicht gerade auf die Jeckes, nur auf die alten Leute, die aus Europa kommen, sondern das hat eine ästhetische Wirkung an sich."

Ja, so ist es, diese ästhetische Wirkung haben die Schlager der 20er und beginnenden 30er Jahre auch auf mich in meiner ostwestfälischen Stadt, auf mich aus der ersten Generation, die nach dem Krieg sozialisiert wird. Sie dringen ein in ein Vakuum. Von der ersten Scheibe an bin ich verloren. Als das neue westdeutsche Gedudel anfängt, gibt es nur selten Schlager, die diese Höhen erreichen. Einer von ihnen ist Der Junge mit der Mundharmonika, gesungen von Bernd Clüver. Warum, weiß ich auch nicht, vielleicht der gläsernen Fracht und des Sternengefunkels wegen?

Auch mir kratzt's am Herzen, wenn ich die Künstler der 20er und 30er Jahre höre, es überkommt mich eine Sehnsucht nach etwas, das niemals da war. Auch meine Wurzeln sind ausgerissen. Max Raabe singt auch für mich, auch für mich hält er die Erinnerung wach, unsere Kultur lebendig, denn das ist trotz alledem deutsche Kultur. Er singt die Schlager auf eine geniale Art neu, ich erkenne sie in ihrer damaligen und in der heutigen Zeit. Er schafft es, die Lieder über die zwölf Jahre zu retten, ohne diese auszuklammern, ohne so zu tun, als hätte es sie nie gegeben. Ich weiß jetzt, was "Überdauern" bedeutet. Ab heute ist hoffentlich Schluß damit, daß ich, wenn ich jemandem von den wunderbaren Schlagern der 20er Jahre vorschwärme, von einem Mittfünfziger zur Antwort bekomme, mitleidvoller Blick auf mich: "Danke, damit kann ich nichts anfangen, so alt bin ich ja nicht." Eine ähnliche Antwort habe ich auch schon erhalten, als ich über die französischen Chansons der 30er Jahre begeistert rede. Dazu muß man wissen, daß die Qualität dieser Chansons nach der Emigration unserer deutschen und österreichischen jüdischen Künstler, 1933 und 1938, enorm gestiegen ist. Zwar komponieren und singen einige schon vorher in Frankreich, aber mit Adolf Hitler geht's dann richtig los: Deux cigarettes dans l'ombre, und das mit Django Reinhardt und Leo Monosson!

Zum Schluß singen Max Raabe und sein Orchester im Chor, die Violonistin diesmal am Klavier, das Stück der Comedian Harmonists Gib mir den letzten Abschiedskuß, weil ich dich heut verlassen muß, und die Kamera fängt noch einmal die interviewten Juden ein, sie sitzen oder stehen da und sind gerührt, lächeln, winken, zwei singen mit. Was man dabei sieht und fühlt: Sie sind noch heute unheilbar verletzt, daß ihnen ihre Heimat genommen worden ist, das leiseste Rühren an die alten Wunden versetzt sie, von der ersten bis zur dritten Generation, in Ausnahmezustand. In Max Raabe haben sie jemanden aus Deutschland gefunden, der sie versteht, der ihnen Ehre erweist. Zwar werden die Wunden nie heilen, aber eine Salbe, den Schmerz zu lindern, ist mit den Auftritten von Max Raabe in Israel immerhin gefunden.

"Das war schon ein ziemliches Experiment, das so gut gegangen ist, daß wir auf jeden Fall wieder hinfahren werden," meint Max Raabe abschließend. Das wird er müssen, hat ihn doch der fast 100-jährige Jude dazu ausdrücklich eingeladen.

Unterschiedliche Wahrnehmungen

Dirk Becker berichtet in den Postdamer Neuesten Nachrichten, aus dem Verlag Der Tagesspiegel, über den Film, von dem er beeindruckt ist: Die Erinnerung in den Liedern. "Mit diesen vier Konzerten hat Max Raabe zusammen mit seinem Palast Orchester diesen Menschen etwas zurückgebracht und sie gleichzeitig an diesen Verlust erinnert. Man sieht, wie dankbar sie ihm dafür sind. Und man sieht auch, gerade in diesen Momenten, wie der sonst oft sehr ernste, sehr nachdenkliche Max Raabe in seinem Lächeln ein ganz besonderes Glück, eine ganz besondere Dankbarkeit ausstrahlt." So sehe, höre und empfinde ich das auch. Es ist ein Geben und Nehmen von beiden Seiten, ein Dialog.

Dirk Becker hat ein Gespür für die wichtigen Stellen im Film. Auch die angeblich judenfreundlichen Gäste im Hans-Otto-Theater charakterisiert er trefflich. Zu meiner Zeit in Berlin, Ende der 90er Jahre, gehört die Stelenfeld-Lea Rosh zu diesem Set, sitzend in der ersten Reihe zu den Berliner Jüdischen Kulturtagen, um sich schauend, ob sie von allen bemerkt wird. Ich weiß nicht, wie alt Dirk Becker ist. Er schreibt, die von Max Raabe gesungenen Lieder wären vorher leicht gewesen. Es ist vielleicht wirklich eine Generationenfrage, für mich sind diese Lieder, diese Schlager, noch nie leicht gewesen, sie erwecken immer alle Trauer und Freude zugleich. Später ergänzt er: "Durch diesen Film hat sich etwas auf sie gelegt, das ihnen die Leichtigkeit genommen hat, die sie vielleicht nie hatten. Sie haben jetzt ein Gewicht, das sie nicht schwer macht. Nein, nur bedeutungsvoll." So ist es, nicht "vielleicht", sondern bestimmt, nicht "jetzt", sondern seit bald 80 Jahren. Ich habe mit meinen bescheidenen Mitteln kleine Denkmäler gesetzt für die jüdischen Künstler aus Berlin, Hamburg, München, Wien: Ein Stern fällt vom Himmel, ein seltener Gast ...

Ganz anders wirkt der Film auf den Publizisten und Sozialarbeiter Dr. Tjark Kunstreich, Jahrgang 1966, er, der Herrscher, befindet darüber im Dschungel der Jungle World. Zum Zeichen, daß er über Max Raabe im Bilde ist, à jour sozusagen, verfremdet er den Titel dessen neuesten Albums Küssen kann man nicht alleine, und so heißt sein Verriß des Films Versöhnen kann man nicht alleine. Genial!

Dr. Tjark Kunstreich ist immer zur Stelle, wenn es gilt, den Übermut der Deutschen zu kühlen, daran kühlt er sein Mütchen; denn die Deutschen, das sind die anderen. Manchmal kommen dabei interessante Ergebnisse heraus, ich kann sie in der Zeitschrift BAHAMAS lesen, bin auf Tjark Kunstreich abonniert, vermisse ihn aber nicht, wenn er nicht dabei ist. Im "Vorfrühling 2011" hat er seinen letzten Auftritt, im Heft Nr. 61, über Frida Kahlo, und weil ich die sowieso schon seit mehr als 30 Jahren nicht toll finde, erst recht nicht ihre Rezepte, lese ich den Artikel "Der tote Prunk der Seele" nicht. Über den Triebstau in der katholischen Kirche und Pier Paolo Pasolinis Begehren und Heimlichkeiten will ich auch nichts wissen, und so bleibt der Artikel "Die Nachtigall der katholischen Kirche", in Heft Nr. 60, ungelesen. Ich bin überhaupt ein Banause, die Artikel der anderen BAHAMAS-Autoren finde ich immer viel spannender, und so muß ich jetzt woanders schauen, um Dr. Tjark Kunstreichs Filmkritik besser würdigen zu können. Wo ist also ein kürzlich erschienener Beitrag? Bei Liza schreibt er, im Januar 2012, über moderne Konzi-Darsteller, die habe ich schon im Juni 2001 abgehandelt, im Artikel Mahnmal oder: "Hier ist der Ort!"

In der Jungle World Nr. 21, vom 24. Mai 2012, also vor einem Vierteljahr, bekundet Dr. Tjark Kunstreich in einem Artikel zum Tod von Arno Lustiger, am 15. Mai 2012, dessen angeblich fehlendes Interesse an Nazis. Ich habe bislang gemeint, an denen sollte man höchstes Interesse haben. Einmal mehr knöpft sich Dr. Tjark Kunstreich die Deutschen vor, Todesmärsche, Volksgenossen, Jagd auf geflohene Häftlinge, Höhepunkt der Barbarisierung der deutschen Gesellschaft. "Die Alliierten haben die Deutschen nicht befreit, sie haben sie in erster Linie davor bewahrt, sich gegenseitig umzubringen." Sie, die Deutschen, das sind die anderen. Dann geht er zum Thema Rußland über, dort wohnen erst recht die anderen, er kommt zum "Verrat der Kommunisten, insbesondere Stalins", an den sowjetischen Juden. Antijüdische Kampagnen Stalins sind das Thema Arno Lustigers in seinem 1998 erschienenen Buch Stalin und die Juden. Über Israel schreibt Dr. Tjark Kunstreich: "Nach der Gründung Israels 1948 keimte Hoffnung für die sowjetischen Juden auf, als Golda Meir als erste israelische Botschafterin in Moskau von einer begeisterten Menge durch die Straßen getragen wurde."

Einer, dem Israel angeblich am Herzen liegt, und der viele Zeilen füllt über die Verhältnisse, in denen die Juden zu Stalins Zeiten leben müssen, verliert kein Wort darüber, daß die Gründung Israels ohne die drei Stimmen der Sowjetunion in der UNO nie stattgefunden hätte. Nicht, daß es die Verbrechen Stalins in milderem Licht dastehen lassen würde, es entspricht nur den geschichtlichen Tatsachen. An denen aber sei Arno Lustiger nicht interessiert gewesen, es sei ihm nicht darum gegangen, zitiert er Walter Benjamin, "zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist", sondern "sich einer Erinnerung (zu) bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt". Das wird die Neuen Historiker Israels aber freuen! Die sehen das ebenso, und ich lerne nebenbei, daß ich nichts begriffen habe von Walter Benjamin, von Sigmund Freud, von Charles Baudelaire, nichts von Sarah Kirsch und Barbara Mabee und nichts von Dr. Tjark Kunstreich, ich weiß nur, daß die Entscheidung Stalins, der Gründung des Staates Israel am 29. November 1947 zuzustimmen, von ihm unterschlagen wird. Vielleicht verspürt der Autor ja trotz Atombombenbaus im Iran gerade keinen Augenblick der Gefahr, so daß in ihm keine Erinnerung aufblitzt?

Nun also geht's darum, den Film "Max Raabe in Israel" unter dem Motto "Was die Deutschen sich wieder leisten an Judenverachtung" einzuordnen. Das geschieht nicht mittels Analyse, sondern durch Propaganda, durch die Zuordnung von Begriffen, die der Logik nach nicht immer zuzuordnen wären: "Tel Aviv als Kulisse, Juden als Komparsen", das ist eine unbewiesene Setzung, unwichtig, ob der Film das hergibt, oder nicht. Es geht weiter mit der Vermengung zweier Ebenen, "der Aussöhnung der Deutschen mit dem jüdischen Staat," also nicht der Deutschen mit Juden; denn Deutsche sind betreffend Juden so entmenschlicht, daß sie sich mit ihnen nicht aussöhnen können, heißt das zu deutsch. Damit ist der Film seitens Dr. Tjark Kunstreich notwendig und hinreichend eingeordnet, den Rest hätte er sich sparen können, er ist nur noch redundant.

In bekannter linker Manier folgen jetzt Behauptungen auf Verleumdungen auf Arroganz auf Zensur auf Weltfremdheit: Welcher Unterschied besteht bei den Auftritten Max Raabes in New York, Tokio, Tel Aviv, Haifa und Jerusalem? Er hat ein Filmteam mitgenommen, vier Frauen, einen ganzen Harem! Die Mädelz "filmten Raabe und seine Band am Strand von Tel Aviv, an der Klagemauer, am Toten Meer und in Gesprächen mit Holocaustüberlebenden und israelischen Journalisten. Die Musiker zeigen sich völlig überrascht davon, wie normal es in Israel zugeht, wie freundlich die Menschen sind und wie schön das Wetter ist."

Dr. Tjark Kunstreich bestimmt, was Max Raabe tut, und in welcher Reihenfolge, er be- und verurteilt. Gespräche mit Holocaustüberlebenden? Ferner liefen! Er weiß, was Max Raabe bezweckt mit seinem Auftritt im Alltagsleben Israels, er will Normalität in den Beziehungen "der Deutschen mit dem jüdischen Staat" vorgaukeln. Dazu beschmiert er sich mit Schlamm vom Toten Meer und sucht medienwirksam mit Orchestermitgliedern auf dem Markt nach einer Glocke für seinen Will Meisel-Auftritt. An diesem Nazi seit 1. Mai 1933 und Arisierungsgewinnler hat Dr. Tjark Kunstreich nichts zu kritisieren, am einzigen Stück, das ich in Israel nicht präsentiert hätte, so lustig das mit den Glöckchen auch sein mag. Und was die Überraschung der Musiker angeht: Als ich zum ersten Mal nach Israel fliege, bin ich überrascht, daß da so viele Juden auf dem Flughafen sind, überall Juden! Und das schöne Wetter, das überrascht mich ebenfalls, es ist nämlich nicht wie an meinem Mittelmeerwohnwort in Frankreich am Mittelmeerort Tel Aviv, sondern krachheiß. Kiloweise Wollsachen sind im November nicht nötig. Auch in Sachen Freundlichkeit habe ich Erstaunliches erlebt, nicht nur in Israel. Mein erstes Erstaunen ist 1965 in Moskau, als mich, die Deutsche, alle, aber wirklich alle Moskauer freundlich empfangen, und sie haben mindestens 27 Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg verloren, darunter sieben Millionen Zivilisten.

Wenn einer vorverurteilt ist wie Max Raabe durch den "Herrscher" Dr. Tjark Kunstreich, dann muß der Verurteilende das Pferd von hinten aufzäumen, dann wird es negativ bewertet, wenn er Marcel Reich-Ranicki befragt, ob er in Israel auf Tournee gehen könnte. Dann tritt der Sänger mit seinem Orchester in Israel auf, damit "die Juden an den Deutschen wieder einmal etwas gutgemacht" haben, "entsprechend erleichtert fliegt Raabe mit seinem Palastorchester wieder nach Deutschland. Und die Juden dürfen sich erinnern, dass es auch für sie in Deutschland schöne Zeiten gab."

Wie krank ist das denn? Hat er den Film nicht gesehen? Hat er die Skrupel von Max Raabe nicht mitbekommen? Der fliegt dorthin, damit es ihm hinterher besser geht? Ihm erkennt er jeden Anstand ab, ein Deutscher eben, der kann keinen Anstand haben, verfügt der Deutsche Dr. Tjark Kunstreich. Er moniert, daß sich Max Raabe in Israel "in erster Linie als Deutscher und nicht als Musiker sieht", ohne daß der Film es als eine Frage aufwerfe. Es ist in Israel für jeden Deutschen, nicht nur für Max Raabe, eine Tatsache, daß er/sie zuerst Deutsche/r ist, als Deutscher empfangen und eingeschätzt wird, übrigens in anderen Ländern, die unter der Naziherrschaft gelitten haben, ist das ebenso, sogar unter den Nachkommen von Vichy France. Den ganzen Film über ist es selbstverständlich, bedarf keiner Frage, es wird in allem deutlich, von den Interviews bis zum touristischen Teil. Aber wenn Dr. Tjark Kunstreich behauptet, daß die Frage im Film nicht aufgeworfen wird, dann muß es wohl stimmen, ist er doch der Hüter der Juden, ihr Anwalt, vielleicht ihr Vormund, er geht ihnen an die Hand, richtig zu interpretieren, was dieser deutsche "Schlagersänger" im Schilde führt, nämlich, sie zu instrumentalisieren für die deutsche Kultur mit dem großen "D".

Nun kommt Dr. Tjark Kunstreich auf einen Fehler des Max Raabe, den Comedian Harmonists wäre der Auftritt bereits 1933 verboten worden. Im Film habe ich das nicht gehört, es kann sein, daß ich es überhört habe. Es kann sich nur um einen Versprecher handeln, denn die Daten der Comedian Harmonists sind ausreichend dokumentiert. Sabine Brandes schreibt in der Jüdischen Allgemeinen über den Auftritt in der Tel Aviver Oper: "Eine Hommage an die teils jüdische Chansonniergruppe, der die Nazis 1933 Auftrittsverbot erteilten." Das ist schon seit Eberhard Fechner anders, wegen gegensätzlicher Auffassungen Auflösungserscheinungen 1934/35, Rückzug der drei nichtjüdischen Musiker von den drei Juden, Anfang 1935, letztes Konzert, in Fredriksstadt/Südnorwegen, Februar 1935, im März 1935 wird den in Deutschland verbliebenen "Ariern" von Prof. Dr. Peter Raabe, von der Reichsmusikkammer, verboten, den Namen Comedian Harmonists weiterzuführen. Die Nazis machen die Comedian Harmonists zur verjazzten Judenband, sie erklären sie zum "jüdischen Ensemble". Max Raabe zitiert das.

Und wenn schon Rechthaberei: Nicht alle drei emigireren sofort nach Wien, sondern Erich Collin geht, nach dem 13. März 1938 existenzwichtig für die Gruppe, erst nach Paris, er spricht fließend französisch. "Am 15. März 1935 läßt er im 1. Bureau A.S.S.P., unter der Nummer 773 eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung auf den Namen COMEDIAN HARMONISTS eintragen," schreibt Eberhard Fechner, S. 248. Den drei in Deutschland verbliebenen Gruppenmitgliedern wird der Name verboten, trotzdem regt sich Robert Biberti darüber auf. Ende Mai 1935 beginnen die Proben der Comedian Harmonists in Wien. Es dauert ein Jahr, bis die neue Gruppe international auftritt, vorher hält sie sich mit kleineren Engagements über Wasser, hauptsächlich in Nachtclubs an der Côte d'Azur sowie in Pariser Kinos.

Entgegen der Ansicht des Dr. Tjark Kunstreich können die jüdischen Musiker sehr wohl anknüpfen an alte Erfolge, sie singen als Comedian Harmonists, später als Comedy Harmonists, wie das Meistersextett ebenfalls bis 1941 und zwar, sehr zum Neidwesen des Robert Biberti, auf internationalen Tourneen, in der ganzen Welt.

Dr. Tjark Kunstreich bestimmt, und dann doch wieder nicht, was Max Raabe auf der Bühne verkünden sollte. Er, der Kritiker, hat nämlich "den Wunsch nach einem Missklang; die heile Welt sollte wenigstens einen kleinen Riß haben dürfen." Die Leichtigkeit der Musik sei "nur äußerlich", wer hätte das vermutet? Dann prasselt das Urteil auf die Künstler: "Es ist das Gestelzt-Ungezwungene der Musik im Kontrast zur selbstbewussten Gestelztheit im Umgang mit den Israelis, das Beklommenheit auslöst." Da können die Juden, alt&jung, begeistert sein, wie sie wollen, was zählt, ist die vernichtende Kritik des Dr. Tjark Kunstreich. Da sitzen 1000 Juden und applaudieren einer gestelzten Ungezwungenheit, sie führen Gespräche mit einem, der Umgang in selbstbewußter Gestelztheit mit ihnen pflegt. Der Deutsche sollte bald nach Israel fliegen, um seine Juden an die Hand zu nehmen und sie aufzuklären, welchem Rattenfänger sie nachfolgen.

Er sieht den Auftritt in Israel als Vorspiegelung einer "heilen Welt". Die Juden sehen es zum Bedauern von Dr. Tjark Kunstreich nicht so. Die Verfolgung und Vernichtung der Juden, hier der jüdischen Musiker, ist insgesamt das Thema der Auftritte, den Wunsch nach Harmonie und Versöhnung spricht er den Juden ab, sondern er betrachtet ihn als von den Deutschen aufgezwungen. Was "die Leichtigkeit der Musik" angeht, so gibt es auf der Welt kein einziges jüdisches Musikstück, das nur leicht ist. Der Schritt vom seichtesten Geträller zum Synagogengesang und umgekehrt ist in jedem jüdischen Musikstück angelegt, man höre nur die Klavierbegleitung von Gershon Hermann Sweet zu den beiden im April 1934 in Palästina von Joseph Schmidt gesungenen Gebeten Ano Avdoh und Ki lekach tov natati lachem, komponiert von David Moshe Steinberg.

"Die Juden wurden vertrieben, die Unterhaltungsmusik ist geblieben." Wie kann einer eine solche Aussage tun? Die gesamte jüdische Unterhaltungsmusik wird ab 1933 zerstört, es bleibt Zarah Leander. Davon erholt sich unsere Unterhaltungsmusik nie mehr. Darum bin ich begeisterte Hörerin der alten Aufzeichnungen. Sie übermitteln etwas, dem Max Raabe allenfalls nahekommt, ziemlich nahe. Dr. Tjark Kunstreich bestimmt nicht nur, wie Juden in Israel die Darbietungen des Max Raabe aufzunehmen hätten, der "Herrscher" weiß sogar, was er versucht - oder ist's das Auswärtige Amt und die Deutsche Botschaft in Tel Aviv? "Die Tournee Max Raabes ist gewissermaßen der Versuch zu prüfen, wie viel 'Deutsche Kultur' (mit großem D) die Israelis aushalten." Wieviel deutsches Wesen die Jungle World Leser mit Dr. Tjark Kunstreich aushalten müssen, könnte man sondieren. Und es geht in rassistischer Manier weiter mit der Kritik, nämlich mit der Physiognomie des Künstlers, Größe, Haar- und Augenfarbe werden ihm vorgeworfen, und daß er sich bei seinen Auftritten geradehält und nicht in Schuldbewußtsein der Ermordung von sechs Millionen Juden durch seine Landsleute wegen vor dem versammelten Publikum krummlegt. Nun steht er da wie "in US-amerikanischen Filmen der vierziger Jahre die wirklich gefährlichen Deutschen dargestellt" worden sind. Heißt das, Max Raabe ist nicht "wirklich gefährlich"? Ist er gar ein Papiertiger?

Im letzten Absatz der Filmkritik packt Dr. Tjark Kunstreich aus, was er bislang angedeutet, vorgebracht, zurückgenommen, modifiziert hat: Er gönnt den Juden nicht die Freude, daß es außer Erinnerungen an Auschwitz aus Deutschland noch etwas anderes gibt. Seine jüdischen Mündel werden abtrünnig, sie urteilen selbst und begeben sich damit in höchste Gefahr. Max Raabe macht sich nicht zum Sprachrohr der Israelfreunde von Stop the Bomb! Die erwähnt er nicht einmal und der Film auch nicht, obgleich sie europaweit warnen und mahnen. Es ist deutsch in der übelsten Art, anderen vorzuwerfen, daß sie sich einfach unterhalten lassen wollen. Das ist ein Schnittpunkt mit dem Islam, auch dort werden einfache Freuden verboten.

Es wird Juden geben, die froh sind, daß ein Künstler wie Max Raabe Israel nicht boykottiert. Wie staunt der Leser, daß dem das negativ angekreidet wird. Der Kritiker kommt nicht auf die Idee, daß Max Raabe die Schlager der 20er Jahre nicht singen würde, wenn er nicht den Juden gegenüber positiv eingestellt wäre. Er kommt nicht darauf, daß er auf eine Konzerttournee nach Israel kommt, weil er Israel gegenüber positiv eingestellt ist, sondern der kommt, um auszuloten, wieweit "Deutsche Kultur, mit großem D" nach Israel eingeschleppt werden kann.

Und dann fällt er vollends ins Delirium: "Die narzisstische Selbstbezüglichkeit, die Deutsche in Israel so gern an den Tag legen, hindert sie aber daran, die Situation der Israelis und ihre Besorgnis wahrzunehmen. Der Film 'Max Raabe in Israel' ist so gesehen eine zutreffende Schilderung des deutsch-­israelischen Verhältnisses." Er projiziert seine eigene narzißtische Selbstbezüglichkeit auf andere. Die legt er selbst an den Tag, und zwar auf seinem Stuhl vorm PC, wo er sitzt, ohne daß ihn jemand ernstnimmt, erst recht nicht die in Gefahr befindlichen Juden Israels. Die Juden und Israel werden es sich zuzuschreiben haben, wenn es wieder gegen sie losgeht. Er hat sie lange genug gewarnt, aber kein Schwein ruft ihn an, und niemand würdigt seinen selbstlosen Einsatz.

Zum Abschluß antworte ich auf die vielleicht gestellte Frage, warum ich mich so ausführlich mit einem Kritiker wie Dr. Tjark Kunstreich befasse. Die Antwort ist, daß er zu Kreisen gehört, die man als so das Deutscheste bezeichnen könnte, was auf Erden herumläuft. Ob politisch links oder rechts, ob für oder gegen die Islamisierung Deutschlands und Europas, sie wissen alles besser, sie herrschen, sie bestimmen, wer außer ihnen Juden- und Israelfreund ist (keiner), was für Juden und für Israel gut ist, wissen sie. Sie fahren Kampagnen gegen Wissenschaftler und Publizisten, die sich anmaßen als Judenfreunde aufzutreten, ohne daß sie ihr Gütesiegel besitzen. Der Orientalist Hans-Peter Raddatz kann ein Lied davon singen. Versammelte Dilletanten wie der Politikwissenschaftler Dr. Peter Widmann, seinerzeit Assistent am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA), heute verdienterweise irgendwo fern in der Türkei, an der Istanbul Bilgi Üniversitesi, die Treppen ins European Institute hochgefallen, Interviewpartner der von den Scheichtümern am Golf finanzierten Islamischen Zeitung, bezeichnet den Autor des wissenschaftlichen Werkes Allah und die Juden als "Publizisten" und maßt sich an, über dessen Qualifikation als Orientalist zu urteilen: Der Feind kommt aus dem Morgenland. Rechtpopulistische "Islamkritiker" um den Publizisten Hans-Peter Raddatz suchen die Opfergemeinschaft mit Juden. ZfA-Direktor ist seinerzeit der heute als Interviewpartner des vom Iran geförderten Muslim-Marktes wirkende Prof. Dr. Wolfgang Benz. Honestly Concerned, das der Kampagne 2007 auf den Seiten 25 ff. ein Forum bietet, bekommt später Bedenken und nimmt den Schmäh vom Netz, aber bis heute liest man die Hetze in deutsch und englisch bei der vom Auswärtigen Amt geförderten Qantara. Mittels dieser "Brücke" wollen die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsche Welle, das Goethe-Institut und das Institut für Auslandsbeziehungen zum Dialog mit der islamischen Welt beitragen.

Im Artikel Hans-Peter Raddatz: Allah im Wunderland. Die Rache des Orientalisten habe ich dem Völkchen der Denunzianten ein Denkmal gesetzt.

In solche Klauen gerät Max Raabe, der Dr. Tjark Kunstreich statt Marcel Reich-Ranicki hätte fragen sollen, wie er in Israel aufzutreten, was er dort zu propagieren hat. Nun kann er ihm nur bescheinigen, Tel Aviv als Kulisse und die Juden als Komparsen mißbraucht zu haben. Ich rate Max Raabe und seinem Palast Orchester dringend, es nicht noch einmal zu wagen, in Israel aufzutreten, die Jungle World würde die Wiederholungstäter vernichtend kritisieren, und dann kämen für sie miese Zeiten.