6. Juli 2015

Frankreich wird an seiner Arroganz ersticken


Die Ausmaße der Realitätsverweigerung erreichen ungeahnte Weiten. Während L'Indépendant doch tatsächlich auch die Stimme des Vizeministers für Wirtschaft Rußlands Alexey Likhachev dokumentiert, der erklärt, das Ergebnis der Volksabstimmung sei ein erster Schritt zum Ausstieg Griechenlands aus dem Euro, bringt Le Figaro heute viele Seiten Schimpf&Schmäh zum Thema OXI.

Patrick Artus, Chefvolkswirt der Banque Natixis, ist dabei noch der sachlichste aller Interpreten und Kaffeesatzleser, die sich im Figaro äußern dürfen. "Wenn die Europäische Zentralbank den Banken die Hilfe abschneidet, wird Griechenland aus der Eurozone ausscheiden müssen," erklärt er, die EZB dürfe unter den gegebenen Umständen keine Sondermittel für Griechenland bereitstellen.

Damit ist der sachlichen Berichterstattung genüge getan und es kann losgehen! Figaro-Journalist Thierry Portes weiß von [Alexis] Tsipras, einem Aktivisten der extremen Linken, in einem Kostüm, im Anzug, in der Tracht [!] des Premierministers. Tsipras, un militant d'extrême gauche dans un costume de premier ministre. "un costume" ergänzt Léo mit "déguisement", Verkleidung, oder "folklorique, régional", folkloristisch, regional.

Und dann legt Thierry Portes los. Immerhin erwähnt er, gleich zu Anfang, daß Alexis Tsipras sechs Monate im Amt ist. Das aber ist ihm keine Erklärung wert. Alles griechische Elend bürdet er auf seine Schultern, und das sind Schultern! Mit 16 Jahren Kommunist, gewachsen in der radikal linken Ideologie, seiner selbst sicher, mit negativem Beigeschmack, sûr de lui, heißt, zur Selbstkritik nicht fähig. Man erinnere sich bitte des Staatspräsidenten Charles de Gaulle, am 22. November 1967, und seiner Rede: "Israël sur de lui-même et dominateur". Diese Rede kennt jeder Journalist des Figaro. Die Assoziation sitzt.

Dann geht's Schlag auf Schlag. Leider ist diese Abrechnung nur den Abonnenten vorbehalten. 

Weiter geht es mit Renaud Girard und Alexia Kefalas: La Grèce déchirée par l'affrontement des idéalistes et des réalistes. Griechenland zerrissen vom Zusammenstoß der Idealisten mit den Realisten. Auch das ist für Abonnenten, aber die Leser wissen schon vorab, daß es sich bei den Idealisten nur um die Neinsager handeln kann, die Realisten  sind die Jasager.

Exemplarisch für die Neinsager wird eine Stéfanie vorgestellt, sie ist 18 Jahre, Studentin, und weiß weder, was die EZB, der IWF, die EU noch was die Troika ist. Sie hat also von nichts 'ne Ahnung. Sie stimmt für Nein, weil die griechische Regierung noch in letzter Minute gestattet hat, daß sie sich in die Wählerlisten einträgt. Dahin gestellt bleibt, ob es mit rechten Dingen zuging. Stéfanie beklagt sich über eine 17 Zeilen lange Frage, deren Inhalt sie nicht versteht, was aber nichts macht, sie kreuzt Nein an.

Ein anderes Beispiel ist Στέφανος Πετρόπουλος, Stephanos Petropoulos, der 68-jährige Rechtsanwalt, δικηγόρος, meint: "Bei Nein werden die Türken bei uns einfallen!" Aufzufinden ist dieser Zeuge im Internet nicht.

Das sind die Neinsager, heißt das, und die Jasager erkennen die Gefahren. Warum die EZB, der IWF und die EU mit dem russischen Begriff "Troika" bezeichnet werden, weiß auch ich bis heute nicht. Es ist schon komisch, daß sich in der Eurozone kein eigener Begriff findet.

тройка почтовая

Mit "Troika" verbinden alle, die jemals auch nur ein wenig von Rußland mitgekriegt haben, das berühmte Lied Вот мчится тройка почтовая, etwa: Da ist das dahineilende Dreigespann der Post, gesungen von meiner Lieblingssängerin Ljudmila Sykina, und von vielen anderen russischen Sängern, hier eine besonders schöne Version von Taras Shtonda. In diesem Lied hat die Troika ganz andere Aufgaben als EZB, IWF und EU, sie bringt nämlich in Schnee und Eis die Post, eine Art russischer Thurn&Taxis.

Unter einem solchen Titel konnte von vornherein nichts aus dem Projekt Griechenland und Euro werden: Begriff daneben, Denken daneben, Handeln daneben!

Mit dem Rücktritt des Finanzministers Yanis Varoufakis geht es gleich weiter mit dem Nichtverstehen französischer Eliten. Mein Provinzblatt L'Indépendant titelt, gegen Mittag des 6. Juli 2015: Grèce : le ministre des Finances Y. Varoufakis annonce sa démission et les principales bourses sont à la baisse. Griechenland: der Finanzminister Y. Varoufakis erklärt seinen Rücktritt, und die wichtigsten Börsen sind in Baisse. Alexis Tsipras opfere seinen Finanzminister, um sich seinen Gläubigern anzunähern. Tsipras sacrifie son ministre des Finances pour se rapprocher des créanciers. Nebenbei: Deutsche Medien sehen das ebenso, aber da sind ja auch alle Medien Provinzblätter der Abderiten.

So wenig Verständnis für Strategie und Taktik war selten!

Es ist eine konzertierte Aktion nach dem 61,31%-Sieg des Nein zwischen den beiden und ihrer Partei, den Gläubigern keinen personellen Vorwand zu liefern, die Verhandlungen nicht weiterzuführen.

Le Figaro versteckt sich derweil hinter Deutschland und bringt auf der Startseite, angereichert mit einem Foto des extra-dicken Sigmar Gabriel: Crise grecque : "La Grèce est menacée de faillite", selon Berlin. Die Redaktion titelt den Link ...en-direct-tsipras-faillite-grexit-referendum-non.php, ... live-aufzeichnung-tsipras-scheitern-grexit-referendum-nein.php. Le Figaro ist also schon weiter in der Entwicklung, ist schon beim Grexit. Immerhin berichtet Le Figaro, daß Yanis Varoufakis seinen Rücktritt erklärt habe, Minister No More! um die kommenden Verhandlungen zu erleichtern, von Opfern kann keine Rede sein, sondern die Griechen bereiten den nächsten Coup vor.

Die Französin Christine Lagarde, Geschäftsführende Direktorin des IWF, will den Griechen weiter helfen, also nicht etwa weiterhelfen, wenn sie darum bäten: We are monitoring the situation closely and stand ready to assist Greece if requested to do so. Das  auf dem Hintergrund des gestrigen Referendums, das an der IWF-Chefin spurlos abgeperlt zu sein scheint: In den Staub, Ihr Unwürdigen!

Die Verhandlungen sind also für Frankreich keine, sondern ein Bittgang des Alexis Tsipras, vereint mit fünf Parteien der Nationalversammlung. Bestätigt sieht sich Le Figaro durch die Äußerung des Parteichefs von Potami (linke Mitte) Stavros Theodorakis, der präzisiert habe, daß das griechische Volk nicht für einen Bruch gestimmt hätte, sondern für eine Lösung gemeinsam mit der Eurozone.

Weiteres Wunschdenken liefert Le Figaro auf der Aktualitätenseite ständig nach, unterbrochen von Stimmen aus der Wirklichkeit, wie der des ehemaligen Staatspräsidenten Giscard d'Estaing, der äußert, man müsse Griechenland aus dem Euro verabschieden. Die Leser erklären in einer Umfrage 22% : 78%, daß man mit Griechenland nicht weiter verhandeln sollte. Abgestimmt haben, um 16:55 Uhr, 23 232 Personen, unter anderem ich, wie die Griechen, mit NEIN.

Bis 17:00 Uhr sehe ich auf der Startseite des Figaro nicht, wie der Nachfolger des Yanis Varoufakis heißt. Sein Name ist Euclid Tsakalotos, bislang im Außenministerium zuständig für die Verhandlungen mit den Kreditgebern, der "Troika", er sei der "Varoufakis im Schafspelz", meint das manager magazin. Hoffentlich! Einen Rucksack wie sein Vorgänger trägt er auch, Taschenträger sind der "Troika" vorbehalten. Auch sein Vorname weist auf Qualität. Möge Euclid Tsakalotos die "Troika" so quälen wie mich seinerzeit der Euklid in Mathe!

Über das, was sonst noch so los ist in der Welt, Griechenland betreffend, kann man von französischen und deutschen Medien nichts erwarten, dazu muß man Medien anderer Länder konsultieren, beispielsweise die Jerusalem Post:

Netanyahu to Greek FM: Your visit during crisis, shows will to strengthen Israel ties

Auch die allerdings nicht immer seriösen Deutschen Wirtschafts Nachrichten wären zu befragen: USA nervös: Tsipras telefoniert mit Russlands Präsident Putin. Über die Rolle Chinas in der Griechenland-Krise wird sicherlich bald ein Artikel folgen.

Ein Bild des Jammers. Merkel schweigt, Gabriel rödelt: EU völlig kopflos in der Krise. Nicht nur Frankreich, sondern die gesamte Eurozone wird an ihrer Arroganz und Inkompetenz ersticken. 

Wer rettet meine Ersparnisse?