26. Juni 2016

Brexit. Journalismus als Meinungsmache


Viel ist inzwischen geschrieben und geredet worden über den Brexit. Die deutschen Beiträge zeichnen sich dadurch aus, daß mehr als 50% der Briten beleidigt werden. Es war nicht anders zu erwarten. Warum sollten ausgerechnet bei diesem für die Europäer wichtigen Thema die Journalisten sich ihrer Aufgabe besinnen, der Berichterstattung?

Updates im und unterm Text
William Oliver Healey gibt's wirklich!
Nur 36% der 18- bis 24-jährigen Bürger gaben ihre Stimme ab.
Die Inkarnation des Bösen spricht's aus!
Endlich liefern deutsche Medien auch sachliche Berichte!
"Unser [!] Europa". Anfang vom Ende, in "meiner" [!] Villa Borsig.
Das Ende der EU wird kommen!

Nicolaus Fest faßt das Elend des deutschen Journalismus unter dem Titel Journalismus als narzisstische Kränkung zusammen. Ich setze die Lektüre voraus und ergänze dies&das.


Auch mein occitanisches Provinzblatt L'Indépendant zehrt vom Brexit-Fieber: La jeunesse britannique furieuse contre le vote de ses aînés. Die britische Jugend wütend gegen die Abstimmung ihrer Älteren. Der nicht gezeichnete Artikel schafft es nicht ins Internet, aber Le Télégramme, aus dem Nordwesten Frankreichs, bringt den gleichen Text unter dem Titel La jeunesse britannique furieuse contre ses aînés. Die britische Jugend wütend gegen ihre Älteren. Da geht es also nicht gegen das ihnen nicht genehme Wahlergebnis, sondern gleich gegen die Alten als Menschen. Das fällt aber niemandem auf.


Libération titelt Brexit: une jeunesse amère et furieuse envers les plus âgés. Brexit: Eine Jugend verbittert und wütend gegen die Älteren, und endlich weiß man, woher die Propaganda einmal mehr kommt, von der AFP: FUCK BREXIT.

Das Foto zum Artikel zeigt, wahrscheinlich vom Télégramme unbeabsichtigt, wer da demonstriert: Bürgerkinder, die ihren Willen nicht durchgesetzt haben und nun dunig sind, wie das im Ostwestfälischen heißt. Project Fear Reality - Our Generation's Prospects. Das Projekt Angst [wird/ist] Wirklichkeit - Unserer Generation Aussicht.

"Das Referendum hätte nie stattfinden dürfen, " sagt die 24-jährige Fernsehjournalistin Billie Porter, eine der beiden Initiatoren der Demonstration. "Ich meine, viele Leute wurden aufgefordert, eine Entscheidung zu treffen, die zu fällen, sie nicht ausgerüstet waren."

Besser kann die Arroganz der Medien nicht auf den Punkt gebracht werden. Und wer ausgerüstet ist, Entscheidungen zu treffen, sieht man auf dem Foto: Billie Porter!


Da wohnt der 1,37 Milliarden Euro schwere britische Geschäftsmann und Philantrop Lord Michael Ashcroft. Wer dieser Milliardär ist, der eine Erhebung in Auftrag gibt zur Bestätigung des "tiefen Grabens zwischen den Generationen", interessiert kaum einen der abschreibenden Zunft.

Forbes. The World's Billionaires weiß über den im Jahr 2000 in den Adelsstand erhobenen Geschäftsmann: "Ein Stellvertretender Vorsitzender der Tories, von 2005 bis 2010, tritt Michael Ashcroft, im März 2015, von seinem Sitz im britischen Oberhaus zurück. Ein halbes Jahr später veröffentlicht er Call me Dave, eine unautorisierte Biographie des britischen Premierministers David Cameron. Das beißende / beleidigende / vernichtende Buch enthielt eine Reihe von unbestätigten Anschuldigungen, einschließlich über Drogenkonsum und snobbistisches Benehmen. ... Ashcroft gab seine Enttäuschung zu, daß Cameron ihn nicht auf einen hochrangigen Posten berief, aber er bestand darauf, das Buch wäre keine Rache. Das Vermögen des Geschäftsmannes kommt aus der Gründung und dem Verkauf von zahlreichen Unternehmen, einschließlich dem Hausversicherungsriesen ADT, den Tyco International 1997 für 6,7 Milliarden Dollar erwarb. Einkünfte aus diesem Verkauf machen noch heute den Hauptteil seines Reichtums aus."

Die Sensation des "tiefen Grabens zwischen Generationen" belegen die französischen Journalisten mit drei Ergebnissen: 73% der 18- bis 24-jährigen und 62% der 25- bis 34-jährigen Wähler stimmen für den Verbleib in der EU, 60% der älter als 65-jährigen dagegen, und schon ist's vollbracht.

Bereits die drei genannten Altersklassen hätten aber ganz andere Überlegungen bewirken können: Wieso stimmen 73% der 18- bis 24-jährigen, aber nur noch 62% der 25- bis 34-jährigen Bürger für den Verbleib in der EU? Sind sie auch schon altersschwach und ängstlich?

"Je älter die Wähler, desto wahrscheinlicher haben sie für den Austritt aus der EU gestimmt."

"Eine Mehrheit der älter als 45-jährigen wählten den Austritt. ... Die meisten mit 10-jährigen oder jüngeren Kindern wählten den Verbleib, die meisten mit 11-jährigen und älteren Kindern den Austritt."

Nicht ein Generationenkonflikt, sondern die Erfahrung mit der EU hat die jeweilige Entscheidung gebracht. Bei den 18- bis 24-jährigen sieht man mangelnde Erfahrung, Begeisterung für das Reisen ohne Grenzen, das Bewußtsein oder die Einbildung, modern und fortschrittlich zu sein. Die Ernüchterung kommt bereits in der nächsten Altersgruppe, und sie wächst kontinuierlich.

Update. Unfassbar niedrige Wahlbeteiligung junger Briten. DIE WELT, 26. Juni 2016

"Eine Mehrheit derjenigen, die die Konservativen 2015 wählten, stimmten dafür, die EU zu verlassen (58%), wie auch mehr als 19 von 20 UKIP-Unterstützern. Nahezu zwei Drittel der Wähler der Labour-Partei und der SNP [Scotish National Party] (63% und 64%), sieben von zehn Liberal Democrats und drei Viertel der Grünen stimmten für den Verbleib."

Bei der Linken wird der Einfluß der Ideologie auf das Wahlverhalten deutlich: Man ist EU- und Weltbürger! Gegen Nationalismus! Für Einwanderung!
Foto Mirrorpix / Visual Press Agency: Verzicht auf die eigene Identität.

Die Schotten dagegen fürchten bei einem Brexit, ihre Stellung von vor 1973 wieder zurückzuerhalten. In der EU haben sie bessere Möglichkeiten, ihre nationalen Interessen zu vertreten. Nebenbei sieht man, daß kein Referendum über den Eintritt in die EU abgehalten wurde, Tory Premierminister Edward Heath brachte die Briten hinein, und daß beim letzten EU-Referendum, 1975, unter Labour Premierminister Harold Wilson, nur 66% der Wähler für den Verbleib in der EU waren, und das nach zwei Jahren Mitgliedschaft, da die Begeisterung über die Vorzüge doch hätten überwältigend sein müssen! 

Derweil fordert eine von William Oliver Healey eingebrachte Petition ein zweites Referendum. Diejenigen, denen das Brexit-Ergebnis nicht paßt, wollen es passend machen, das sind, Stand: Montag, 27. Juni 2016, 11 Uhr, mehr als 3,6 Millionen.

Inzwischen frage nicht nur ich, bei Quotenqueen, im Kommentar #28, sondern sogar die Briten fragen: BREXIT PETITION: Who is William Oliver Healey?

"Niemand scheint die einfache Frage zu stellen, wer ist 'William Oliver Healey'?"

Update

EXCLUSIVE: The VOTE LEAVE backer whose petition could inadvertently derail the Brexit.
By John Austin, EXPRESS, June 26, 2016

"Eine große Zahl der Unterschriften scheint aus einer Fülle von Ländern zu kommen, von Kuba bis Mauretanien, Algerien, Argentinien, Burundi, Iran und sogar aus Moldawien, neben Dutzenden anderer."

Update

Die Inkarnation des Bösen und Gott haben eines gemeinsam: Sie sprechen wahr!

Wahrscheinliche Auflösung der EU nach Brexit. Finanzinvestor George Soros prognostiziert schwere Zeiten. Neue Zürcher Zeitung, 26. Juni 2016

Brexit-Folgen. Johnson plädiert für Gelassenheit. FAZ, 27. Juni 2016

Stefan Aust: "Und vielleicht entpuppt sich das Ganze am Ende als das Eigentor des Jahrhunderts, wenn nämlich die Briten schlussendlich doch Mitglied der EU bleiben und nach langen Verhandlungen mit weniger Privilegien schlechter dastehen als heute."

EU-Austritt. Brexit-Votum ist die Quittung für Brüsseler Machtherrlichkeit.
Von Stefan Aust, DIE WELT, 27. Juni 2016

Darauf arbeitet die Bundesregierung gerade hin. UvdL hat bei Anne Will schon etwas in der Richtung geäußert, der Brexit sei noch nicht sicher. 

Sicher aber ist, daß von nun an eine Fülle von Erpressungsversuchen auf alle niedergehen wird, die in Großbritannien auch nur das geringste zu sagen und zu beeinflussen haben. Die Folge werden Exit-Anstrengungen anderer EU-Staaten sein.

EU verschärft Gangart gegenüber London

Wie kann Frank-Walter Steinmeier als erste (!) Amtshandlung nach dem Referendum ausschließlich die fünf Kollegen der Gründerstaaten einladen, noch dazu in “meine” Villa Borsig, wo ich 25 Jahre anständige Arbeit geleistet habe? Den Bürgern der EU-Staaten, deren Außenminister außen vor blieben, wird alles aus den letzten 100 Jahren wieder hochkommen.

"Außenministerin Marina Kaljurand kündigte im estnischen Rundfunk an, Steinmeier zu fragen, warum er eine solche Entscheidung getroffen habe. 'In einer Situation, wo das britische Referendum die gesamte Europäischen Union betrifft, ist es auf jeden Fall nicht richtig, damit zu beginnen, Länder aufzuteilen: sich mit einigen Ländern zu treffen, nicht mit allen,' sagte Kaljurand. Die Stärke der EU liegt ihren Worten zufolge darin, dass alle zusammenstehen und gemeinsam handeln."

Brexit - Estland irritiert über EU-Gründerstaaten-Treffen. Tiroler Tageszeitung, 24. Juni 2016

"Die Einladungen zum Außenminister-Treffen, das in Form eines 'Arbeitsessens' stattfinden soll, wurden gemäß Dziennik Gazeta Prawna übers Wochenende an die europäischen Botschaften verschickt. Gastgeber des Treffens wird der polnische Außenminister Witold Waszczykowski sein, der offenbar die sechs EU-Gründungsmitglieder nicht einlud."

Poland may host ‘anti-crisis lunch’ for EU members not invited to founders’ post-Brexit meeting.
RT, 26 June 2016

Es ist in jedem Fall der Anfang vom Ende der EU eingeläutet.

"Womöglich kann eine solche EU nur lieben, wer von ihr lebt oder autoritär-sadistisch veranlagt ist. Aber keine Sorge: Deutschland wird als Letztes von Bord gehen. Ein Glück."

Großbritannien: Es fehlt nur noch die Reisewarnung. Von Jennifer Nathalie Pyka

Geht der Lotse dann von Bord, oder begeht der Führer im Bunker Selbstmord?