6. Januar 2012

Bundespräsident. Meine Herrin hat fertig

Liebe Freunde!

Seit einiger Zeit ereifert sich meine Herrin über die Gebärde, Gebahrung? das Gebalge? des Christian Wulff (Foto, auf dem Weg zum Emir) und seiner Verfolger. Mit Staunen sieht sie sich auf der Seite derjenigen MSM, die sonst immer ihr Angriffsziel sind, sie attestiert der BILD jenseits ihrer jahrelangen Erfahrungen anständiges Verhalten. Sie entdeckt auch den Focus als ernstzunehmendes MSM. Der Focus bietet eine Abstimmung von 90,4 Prozent der Internauten, die für einen Rücktritt des Bundespräsidenten sind. Wie staunt sie, zwei Tage später unter demselben Link diese Mitteilung zu finden: Trend 0. Abstimmen. Mit einiger Mühe findet man das Ergebnis wieder: Überwältigende Mehrheit wünscht Wulffs Rücktritt. An der Umfrage haben sich 94 490 Focus-Online-Leser beteiligt.

Sie müht sich ab über den Bundespräsidenten in Doha, sie zetert über sein Gegeifere auf der Mailbox von Kai Diekmann, sie geifert über sein Interview in ARD und ZDF, sie empört sich über das nach dem Interview erzielte Ergebnis der ZDF-Blitzumfrage der Forschungsgruppe Wahlen von 50 : 43 Prozent für den Verbleib des Christian Wulff im Amt, das sei wahrscheinlich manipulativ zustande gekommen, kurz nachdem der Liebling aller Schwiegermütter seinen Opferstatus vorführt und Menschenrechte auch für Bundespräsidenten einfordert.

Jeder weiß, und meine Herrin hat es Anfang der 60er Jahre im Seminar bei Elisabeth Noelle-Neumann von ihr persönlich gelernt, daß Ergebnisse von Umfragen bestimmt werden vom Zeitpunkt, vom politischen Kontext, der Jahreszeit, dem Wetter, vom Inhalt der Frage, der Art ihrer Präsentation, vom Auftreten des Interviewers, von seiner Stimme, letztere heuer bei Telefonumfragen besonders wichtig.

Zetern, geifern, staunen, sich ereifern, empören, abmühen, können nur geschehen, weil sie mich in den Pferch vorm Ferni sperrt, hinter das verzinkte Drahtknotengitter; sie tüdert mich sogar an, damit ich sie in ihrem Wahn nicht störe, sie gar in die Wirklichkeit zurückhole. "Herrin," blöke ich mehrmals, "du bist im falschen Film!" Aber Ihr müßt nicht denken, daß ich sie aufhalten kann in ihrer Begeisterung, einmal den MSM recht zu geben, im Einklang zu sein mit der veröffentlichten Meinung, dazu zu gehören. Es fällt ihr nicht auf, daß eben die MSM, die jetzt die Kampagne führen, nicht einzuwenden haben, daß laut Christian Wulff der Islam zu Deutschland gehört.

Da erreicht sie die Email eines Freundes, auf den sie immer große Stücke hält:

Liebe Gudrun!
Obwohl ich den Bundespräsidenten wegen seiner Islambemerkungen kritisiert habe, bin ich der Meinung, daß er bleiben sollte. Im Vergleich zu den französischen Politikern ist er noch immer besser. In Niedersachsen hatte er eine bessere Politik als die Sozen gemacht. Man sollte das Amt des Bundespräsidenten nicht so hoch hängen. Er ist der Urkundsbeamte des Grundgesetzes. Und mir hat schon die Haltung des adligen Weizsäckers mißfallen. Moralische und sittliche Autorität ist der Bundespräsident längst nicht mehr. Das waren vielleicht noch Carstens und Heinemann, aber Scheel und Rau? Das Amt wurde immer unter den Politikern verscherbelt : Wen man loswerden wollte, der wurde es. Also, wir haben wichtigere Sachen zu behandeln. Und Du auch !!
Herzlichst !
R.

Kaum hat sie sich davon erholt, sieht sie bei PI: Pressehyänen auf kopfloser Wulff-Jagd. Der allseits für seine deftige Sprache bekannte, geliebte, gescholtene, bewunderte, gehaßte Kewil schlägt mit Fakten in dieselbe Kerbe wie mein Freund. Es erfolgt langes Schweigen. "Herrin," blöke ich schüchtern, "bist du noch da? Ich habe Hunger! Hast du Möhren für mich gekauft?"

Sie liest den Artikel. Der ist eine kalte Dusche. Und dann die Kommentare! Der mitlesende Verfassungsschutz hat gewiß seine Freude an beiden. Kewil gibt eine Gastvorlesung über Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit. Dazu hat meine Herrin im Studium am Otto-Suhr-Institut Seminare belegen müssen: "Was ist mit unserer Pressefreiheit? Mit was, bitte? Gibt es bei uns Pressefreiheit?"

Gleich der vierte Kommentar verlinkt zur Verfassungswirklichkeit, genannt das "Randgeschehen", wie es wirklicher nicht sein könnte: ARD Performance. Wulff Debatte, auf die Krawatte kommt es an, nicht auf den Inhalt! So sieht es der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftszeitung Handelsblatt Thomas Knipp, der Deutschland-Chef der Finanzkommunikationsagentur Brunswick Group. In den Tagesthemen erklärt der "Profi ersten Ranges" dem Moderator Tom Buhrow und dessen Publikum nach der Ausstrahlung des Interviews in einer Bewertung, worauf es ankommt. Er wirkt derartig überzeugend, daß schaf Christian Wulff empfiehlt, die Agentur zu engagieren. Das Video ist noch online, jeder, der über den Bundespräsidenten zetert, geifert, staunt, sich ereifert, empört und abmüht, sollte das mindestens dreimal abspielen. Meine Herrin sieht es zum zweiten Mal, und ich will sie nicht stören:

  • Nicht politisch, sondern von Seiten der Kommunikation betrachtet ist das Interview ein Punktsieg.
  • Es gibt relativ wenig Substanz, die ihm vorgehalten wird, es geht nicht um Fakten, sondern um den Umgang mit diesen.
  • Performance ist heutzutage alles.
  • Nach Befragungen geht es hauptsächlich darum, ob jemand sympathisch rübergekommen ist, vielleicht noch, welches Kleid, welche Krawatte oder welche Brille er trug, und weniger um die Inhalte.
  • Es ist wichtig, die Gesetzmäßigkeit von Krisen zu verstehen und zu wissen, wie man damit umgeht. Das ist nicht sehr schwierig, es bedarf einer gewissen Erfahrung, aber auch des Vertrauens der zu beratenden Person, daß ihre Berater darin Erfahrung haben.
  • Strategie zu Beginn der Veröffentlichungen über die Kredite wäre gewesen, erst einmal die andere Seite sich äußern zu lassen, kurz abzuwarten, Fakten zu ordnen und dann sehr schnell Transparenz herzustellen.
  • Wir reden jetzt über das, was wir jetzt wissen, alles, was sofort klarzustellen ist, veröffentlichen wir, für das, wofür wir noch mehr Aufklärungszeit brauchen, kommen wir nach Vorlage der Ergebnisse auf Sie zurückkommen.
  • Das sehr frühzeitig und in angemessener Weise, Stichwort: Performance, was insgesamt mehr Glaubwürdigkeit ausgestrahlt hätte, dann wäre der Verlauf der Krise ein anderer gewesen.
  • Christian Wulff kommt als Mensch und Politiker nicht authentisch genug über, das führe zu solchen Krisenreaktionen.
  • Kommunikationsexperten und Journalisten müßten sich fragen, ob das, worüber sie reden, auch das ist, was der Normalbürger auf der Straße redet.
  • Belagerungszustand wird hergestellt, und Leute, die damit zunächst nichts zu tun haben, antworten auf Frage: Na, ja, haben wir davon gehört, ist kein großes Thema, haben wir, ehrlich gesagt, gar nicht soviel damit zu tun.
  • Man [d.h. hier der Bundespräsident] muß darauf achten, daß man nicht selbst in einen mentalen Belagerungszustand verfällt, sondern eine innere geistige Unabhängigkeit behält, oder aber Berater hat, die in der Lage sind, einem das zu geben.

Meine Herrin ist beeindruckt und schämt sich über ihre Artikel. Der Bundespräsident empfängt derweil die Sternsinger, Bettina Wulff im Hintergrund. Aber das Kampagnenleben der MSM geht weiter, und eine Freundin schreibt meiner Herrin, es hätte sich nun bald ausgewulfft, 67 Inverstoren, Banken, Versicherungen, Pensions-, Staats- und Hedgefonds, forderten aus der "Übernahmeschlacht von Porsche" 1,8 Milliarden Euro Schadensersatz vom ehemaligen Ministerpräsidenten. "Als Mitglied im VW-Aufsichtsrat soll Wulff zugesehen haben, wie Anleger massiv getäuscht wurden."

"Viel Spaß! Wulff wird bleiben!" meint Kewil vorschnell. Der Bundespräsident ist aber kein "großer Trottel", sondern eine leicht manipulierbare, willfährige Figur auf dem Schachbrett von Wirtschaft, Finanzen und Politik. Der wird nicht bleiben; denn seine Freunde, die Finanzoptimierer, werden ihm kaum die 1,8 Milliarden Euro leihen.

Hat meine Herrin wirklich fertig?

Blök!
Euer Schaf
im Wulffspelz