14. Januar 2013

Antisemit? Jakob Augstein? Nein!

Das Problem entsteht aus dem Gebrauch unzutreffender Begriffe. Mit dem Begriff "Antisemitismus" ist es wie mit dem Begriff "Holocaust". Mit beiden  verbinden Deutsche nichts, sie gehen sie nichts an, werden bei Bedarf ausgegrenzt, und Bedarf ist oft. Der Autor der "Gartenlaube" Wilhelm Marr hat "Antisemitismus" 1879 in die Welt gesetzt, um pseudowissenschaftlich zu verbrämen und zu rechtfertigen, was zu deutsch Judenfeindschaft, Judenhaß, Verachtung von Juden ist, ein Ressentiment. "Er trug damit zu einem neuen Wortschatz bei – einem, mit dem sich die jahrhundertealte Feindschaft gegenüber den Juden wirkungsmächtig ausdrücken ließ, " schreibt das Deutsche Historische Institut Washington.

Im Fall von "Holocaust", deutsch Brandopfer, handelt es sich nicht um einen  wissenschaftlichen, sondern um einen Kunstbegriff, einen Kunstgriff zur Entsorgung des Verbrechens. Das mag man Amerikanern und Ausländern, die sich am Verbrechen nicht beteiligt haben, durchgehen lassen, allen anderen nicht. "Holocaust" ist 1979 aus dem Französischen in die englische Sprache übernommen worden. Die Verschleierung um jeden Preis, wenn es um die Judenvernichtung geht, habe ich im Artikel Ex-Husband und Holocaust thematisiert. Bereits die Begriffe dokumentieren, daß sich niemand wirklich damit auseinandersetzen will. "Im Hegelschen Sinne wird das Grauen in einem unzugänglichen Begriff aufgehoben." Gabriele Yonan hat 1989 das Wesentliche dazu gesagt. 

Der Begriff "Antisemitismus" führt in ein ähnliches Abseits, wobei die Möglichkeit, Muslime vom "Antisemitismus" freizusprechen durch den Hinweis, sie seien selbst Semiten, eine umgehend mit bis zu 1400 Jahre alten geschichtlichen Tatsachen zu widerlegende Randerscheinung ist gegen das, was in der westlichen Welt an Schindluder mit dem Begriff und seinem Adjektiv "antisemitisch" getrieben wird. Ganze "Antisemitismus-Unternehmen" leben davon, vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin (ZfA) bis zum Simon Wiesenthal Center (SWC).

Wenn es noch eines Beweises dafür bedurft hätte, dann wäre er erbracht durch die Einordnung des Jakob Augstein als Nr. 9 derjenigen, die weltweit "antisemitische" Äußerungen tun; denn das hat das SWC behauptet, nicht, daß er Antisemit wäre. Bei Eingabe von "Antisemitismus" in Google.de gibt's knapp drei Millionen Ergebnisse. Wikipedia liefert, wie bestellt, das Argument. Erstens Antisemitismus (bis 1945). Was dort an Erklärungen zum Begriff abgegeben wird, paßt nicht auf Jakob Augsteins Äußerungen. So aber definieren Deutsche mehrheitlich den Antisemitismus.

Das zweite Angebot ist Judenfeindlichkeit, sie "bezeichnet eine pauschale Ablehnung der Juden und des Judentums. Der Begriff wird zerlegt in Antijudaismus, bei "überwiegend religiösen Gründen", und Antisemitismus, bei sozialökonomischen, ethnisch-nationalistischen und rassistischen Gründen. Das Phänomen der Judenfeindlichkeit erscheine "seit etwa 2500 Jahren." So alt ist Jakob Augstein nicht, und sowieso trifft auf ihn nichts von dem zu. Verleumdet, diskriminiert und unterdrückt er die Juden? Verfolgt und vertreibt er sie? Unterstellt er ihnen unveränderliche Eigenschaften? Äußert er sich pauschal judenfeindlich? Mit Religion hat er eh nichts zu schaffen, Antijudaismus kommt somit nicht in Frage.


Vom Antisemitismus (bis 1945) kommt man auf Antisemitismus (nach 1945). Dabei handelt es sich um nach WKII weiter bestehenden Judenhaß, um rassistische und antisemitische Vorurteile. Es geht um die "Weiterexistenz antisemitischer Stereotypen". Dazu konsultiere man Antisemitismus (vor 1945), und siehe, das paßt ebenfalls nicht auf Jakob Augstein.

Damit nicht genug, bietet Wiki noch den Antisemitismus ohne Juden. Man ahnt es schon: Was dort aufgelistet wird, trifft ebenfalls nicht auf Jakob Augstein zu. Äußert er sich negativ über Juden "in Gegenden ohne jüdische Bevölkerung"? Verbreitet er "antisemitische Symbole in Bildern und Sprache"? "Der Begriff bezeichnet zugleich eine Form von Feindschaft gegen Juden, die nicht immer in expliziter Form auf traditionelle Feindbildmuster des Antisemitismus zurückgreift." Das käme dem vielleicht nahe, aber die Auflistung der fünf Zitate aus dem SPIEGEL beziehen sich ausdrücklich auf Juden, jüdische Lobby-Gruppen, auf Israel, die israelische Regierung und auf das Opfer Gaza.

Wer Wikipedia nicht für das Maß aller Dinge hält in Sachen Antisemitismus und seiner Derivate, der google gern woanders. Es läuft immer wieder darauf hinaus: Die Definitionen und die sich auf sie stützenden Abhandlungen der Gegenwart sind im Raster des nationalsozialistischen "Antisemitismus" steckengeblieben. Zeitgenössische rechte, linke und islamische Judenfeindschaft werden mit beliebigen unzutreffenden Begriffen aus dem Steinbruch des Dritten Reiches belegt. Exemplarisch dazu sei auf die drei Essays von Elhanan Yakira: Holocaust-Leugnung und die Linke verwiesen.

Die Diskussion auf der Grundlage des pseudowissenschaftlichen Begriffs "Antisemitismus" führt ins Leere. Wer diskutiert überhaupt? Es sind Leute, die nicht einmal lesen können, was dort steht: 2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs. 2012. Die Top Ten antisemitischen/anti-israelischen Beleidigungen, Verleumdungen, Verunglimpfungen, üblen Bemerkungen. Jakob Augstein ist gleich mit fünf davon vertreten. 

Es sind nicht die ersten zehn Antisemiten aufgelistet, sondern die Verlautbarungen von zehn Personen und Gruppen. Warum schreiben sie nicht 2012 Top Ten anti-Semites? Traut sich das SWC nicht, oder stecken seine Verantwortlichen selbst in Zweifel darüber, was sie sagen? Bei "slurs" kann man sich zurückziehen, man habe die Person selbst zunächst einmal nicht gemeint?

Das SWC steht bis heute unter dem "wirkungsmächtigen" Begriff "Antisemitismus" und macht es sich somit sehr einfach. Rabbi Abraham Cooper schlägt um sich, und was nicht kräftig genug ist, bleibt auf der Strecke. Jakob Augstein ist aber kräftig genug, der fällt davon nicht um, im Gegenteil, der steigt empor wie Phönix aus der Asche.

Es wäre die Aufgabe des SWC, die Diskussionen auf den Begriff Ressentiment zurückzuführen. Nur mit dem Füllhorn der Synonyme für diesen französischen Begriff, englisch resentment, ist einem Jakob Augstein beizukommen.

Den fünf "slurs" wären der Reihe nach folgende Synonyme für Ressentiment zuzuordnen:

  1. Voreingenommenheit, Einseitigkeit, Parteilichkeit. In den USA arbeiten neben dem AIPAC auch andere solcher Gruppen, das islamische Pendant beispielsweise heißt CAIR. Das Lobbywesen in den USA ist ein anderes als in Deutschland.
  2. Voreingenommenheit, Verblendung, Einseitigkeit, Parteilichkeit. Die Aktivitäten des Iran zum Bau der Atombombe, genannt Iran Nuclear Energy Program, verbunden mit ständigen Drohungen der iranischen Regierung: Israel muß von der Oberfläche der Welt verschwinden, läßt er außen vor.
  3. Feindseligkeit, Vorurteil, Abneigung, Befangenheit. Die Gleichsetzung von Haredim mit islamischen Terrorgruppen ist durch keine Tatsache zu belegen. Hier ein kritischer Artikel: 'Israelis should stand up to haredim', hier "haredim terror" und hier "islamic terror" israel.
  4. Feindschaft, Haß, Parteilichkeit, Verblendung Abneigung, Antipathie, Ekel, Neid, Mißgunst. Nicht die Araber macht er verantwortlich für den "arabischen Frühling", die Muslimbrüder, Katar, Saudi-Arabien, sondern die Araber sind Opfer. Die Gewalt nutze den US-Republikanern und Israel. Nicht nur den US-Demokraten, sondern auch den übrigen beteiligten Mächten spricht er Mitwirkung, Verantwortung und Nutzen ab, Frankreich, der Türkei, dem Iran, Rußland, China. Deutschland kommt vor als zertretene Nationalflagge.
  5. Voreingenommenheit, Einseitigkeit, Parteilichkeit, Verblendung. Israel kann nichts dazu, daß in Gaza 1,7 Millionen Menschen auf 360 qkm leben. Für seinen Platz am Ende der Welt geht's dem Streifen recht gut, auch dank der Tonne Hilfsgüter und Lehrbücher aus Frankreich.

Jakob Augstein ist demnach tatsächlich kein Antisemit gemäß den obigen Definitionen des "Antisemitismus" und seiner Derivate. Nichts von allem trifft zu. Er betrachtet allerdings Israel nicht wie jeden anderen Staat, die USA auch nicht (siehe Punkt 4), er entscheidet, daß und wann Israel das Völkerrecht bricht. Im Gespräch mit dem Präsidenten des ZdJ Dieter Graumann zeigt er die Wirklichkeitsverweigerung und Orientierungslosigkeit eines von Ressentiments verstellten Menschen, der nicht einmal ahnt, worum es geht. Nebenbei wird seine mangelhafte Bildung deutlich, über die man allerdings froh sein sollte, weil er sonst noch mehr Schaden anrichten würde.


Siehe auch:

Die Intellektuellen dieser Republik, die sonst jedem Zeitgeist auf der Spur sind, klammern sich an einen Begriff von Antisemitismus, der so alt und verstaubt ist wie eine mechanische Schreibmaschine aus den 30er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Antisemitismus - das ist die SA und die SS, die Endlösung und der Holocaust, Auschwitz und Nürnberg. Sie weigern sich einzusehen, dass auch der Antisemitismus mit der Zeit geht, dass er ein dynamisches und kein statisches Phänomen ist, dass er sich laufend ändert und vor allem: den Antisemitismusforschern immer um mindestens eine Nasenlänge voraus ist. Wie die Hacker den IT-Experten.

Die modernen Antisemiten argumentieren subtil
Von Henryk M. Broder, WELT, 8. Januar 2013