27. Januar 2013

Lebensborn. Im Zeugungshaus der Sarah Cohen-Scali


Vorbei die Zeit, da Philosophen und Schriftsteller Frankreichs wie Descartes und Diderot das Licht der Vernunft in die Welt bringen! Heuer wird frau als Philosophin Kinderbuch- und Krimiautorin, wogegen nichts einzuwenden wäre, wenn sie dabei bliebe. Das ersparte den Lesern die Erkenntnis, daß nicht mehr cogito ergo sum, sondern mentior ergo sum angesagt ist. Worum geht es?

Die Pariser Schriftstellerin Sarah Cohen-Scali, 1958 geboren in Fes, begibt sich an das Thema Lebensborn und preßt es in das Prokrustesbett für "Jugendliche ab 15". Titel, kurz und knapp: Max. Ein über 472 Seiten ausgebreiteter Text erscheint im Mai 2012 bei Gallimard und wird wochen- und monatelang einhellig bejubelt von der französischen Kritik: Un coup de cœur, un coup de masse. Eine besondere Empfehlung, ein Keulenschlag, schreibt die 16-jährige Büchernärrin Kyeira; für sie ist das Buch un trésor de culture, eine Schatztruhe der Kultur.

Zuletzt, am 16. Dezember 2012, preist Marie-Florence Gaultier, im Express, aus dem Hause des Serge Dassault, das Buch als un roman historique sidérant, einen historischen [!] erstaunlichen Roman. Marie-Florence Gaultier ist Kollegin von Boris Thiolay, der über den Lebensborn als Fabrik zur Herstellung vollkommener Kinder schreibt: La fabrique des enfants parfaits. Sein Buch erscheint bei Flammarion, aus dem Hause Madrigall / Gallimard, zwei Monate vor dem der Sarah Cohen-Scali. Ich habe es im Artikel Lebensborn. In der Zuchtanstalt Heinrich Himmlers vorgestellt.

Buchdeckel

Nun zu Max, dem schon im Mutterleib NS-verseuchten Ich-Erzähler, dem ersten Lebensborn-Kind, an der Schwelle seiner Geburt, am 20. April 1936, zu Führers Geburtstag. An der blutroten Titelseite stimmt außer dem Namen der Autorin und des Verlages nichts, jedenfalls dann nichts, wenn Leser davon ausgehen, daß drin ist, was draufsteht. Abgebildet ist ein schematisierter Fötus, dem Phantasiemaße zugeordnet sind. Seine Proportionen entsprechen einem Embryo im vierten bis fünften Monat der Schwangerschaft. Dem schwarzen Embryo ist eine Hakenkreuzbinde um den imaginären Arm gelegt, der einen unnatürlich großen Umfang haben müßte. Diese Ausgeburt eines arischen deutschen Lebensborn-Kindes entstammt dem Zeichenstift der Graphiker Loïc Le Gall und Clément Chassagnard, firmierend unter Le Gall & Chassagnard. Sie werben mit dem Werk auf ihrer Website.

Die Künstler haben anscheinend gehört davon, daß in Deutschland zur Nazi-Zeit einer merkwürdigen Schrift gepflogen wird, der Fraktur; von ihr gibt es zahlreiche Varianten. So suchen sie nach einer Schrift with the german flair und rühren daraus eine zum Buch passende weiße Max-tur.

Zu zwei Dritteln ähneln die Buchstaben den die Fraktur verschlankenden Schriftarten propaganda und der von Emil Meyer in den Jahren 1933-1935 für den Nazi-Druck geschaffenen Tannenberg Fett (Abbildung), siehe die Buchstaben "M" und "a". Bis zum dritten Buchstaben halten sie die Schrift nicht durch, das "x"  besteht nur aus zwei gekreuzten Balken der Schriftart Antiqua. Solchen zusammengesuchten Druck gibt es nirgends.

In den Dreißiger Jahren ist die seit Anfang des 16. Jahrhunderts in Deutschland gebräuchliche Fraktur die amtliche Druckschrift, es sollen im Dritten Reich sogar die Schreibmaschinen mit den Buchstaben ausgerüstet werden, bis Adolf Hitler, der noch nie ein Anhänger der Fraktur gewesen ist, die Nachricht erhält, daß die in Deutschland gebräuchliche Variante der Lettern vom Stuttgarter Juden Emil Kahn alias Lucian Bernhard (1883 - 1972) entworfen worden ist. Die Schlagzeilen des Völkischen Beobachters mit Schrift von einem Juden! Also verbietet der Stellvertreter des Führers Rudolf Heß in einem von Martin Bormann, Stabsleiter beim Stellvertreter des Führers, verfaßten nicht zu Veröffentlichung bestimmten Rundschreiben auf Fraktur-Briefkopf (!), am 3. Januar 1941, den weiteren Gebrauch der Fraktur insgesamt, zur Rechtfertigung des der Bevölkerung schwer vermittelbaren Verbots ab sofort genannt Schwabacher Judenlettern.

Zum links unten auf der Titelseite in aller Bescheidenheit am Rande vermerkten Verlag Gallimard ist nicht viel zu sagen außer: So wie einst, so auch jetzt, zum Wohle des Geschäfts dem Zeitgeist und der politischen Lage angepaßt. Das heute drittgrößte Verlagshaus Frankreichs, nach Havas und Lagardère Publishing (früher Hachette), gegründet 1911, Gründer Gaston Gallimard schlägt sich während der deutschen Besatzung mittels Kompromissen gegenüber der Vichy-Regierung durch und überlebt beide bestens, stellt den Faschisten und Antisemiten Pierre Drieu de la Rochelle, den talentierten Schriftsteller, als Leiter seiner renommierten Literaturzeitschrift Nouvelle Revue française (NRF) ein und veranstaltet von 1943 bis 1947 Konzerte französischer Komponisten, Les concerts de la Pléiade, die Gaston Gallimard-Biograph Pierre Assouline einschätzt als "Aufrechterhaltung künstlerischer und literarischer Geselligkeit, die dem Glanz und dem Wohlstand seines [Verlags-] Hauses günstig waren - in einem "gefälligen und unpolitischen Rahmen". Es ist selbstverständlich, daß das Verlagshaus das ganz anders sieht, nämlich als Patriotismus.

Heute ist Pierre Drieu de la Rochelle Autor in Gallimards vornehmstem Produkt, La Pléiade, und die intellektuelle Elite Frankreichs ist begeistert. Heute sind jüdische Autoren im Literaturbetrieb Frankreichs geschäftsfördernd. Heute ist die Stoßrichtung USA, Israel und Deutschland. Heute werden vom Verlag Gallimard mit Fiktionen wie der von Jonathan Littell, erschienen im August 2006: Les bienveillantes. Die Wohlgesinnten, und Sarah Cohen-Scali: "Max" ebenfalls der Zeitgeist und die Geschäftsinteressen des Verlages bedient. Der eine reduziert die Judenvernichtung zur Episode der Geschichte und behauptet im Interview: 'Un soldado israelí no es mejor persona que un nazi'. Ein israelischer Soldat ist kein besserer Mensch als ein Nazi, die andere reduziert die radikale NS-Geburtenpolitik auf Sexualakte in kalten Hinterzimmern.

Der Erhöhung des banalen Jedermann zum heldenhaften Exekutor Adolf Eichmann entspricht die Erniedrigung deutscher lediger Mütter zu Kopulationspartnerinnen blonder, blauäuigiger SS-Offiziere, Soldaten und Hitlerjungen, Vergewaltigungen inbegriffen. Immerhin sind die Lügen und Phantastereien der Sarah Cohen-Scali nur über halb so viele Seiten ausgebreitet wie die des millionenfach verkauften Bestsellers Les Bienveillantes. Für den "widerwärtigen Kitsch" (ZEIT), der erfundene SS-Offizier und Held heißt wie das erfundene Lebensborn-Kind ebenfalls Max, Familienname Aue, wird der Autor noch im selben Jahr mit dem Prix Goncourt gekrönt. Sarah Cohen-Scali wird gewiß noch in diesem Jahr mindestens einen Jugendbuchpreis abgreifen.

Deutsche Sprache

Bevor es an den Inhalt des Buches geht, an Daten, Fakten, Lügen und Entstellungen, noch ein Wort zur Benutzung eingestreuter deutscher Wörter, Begriffe und kurzer Sätze. Während die Autorin im Nachwort (Seite 473) einer Zosia Orlicka dankt für die Übersetzung ins Polnische, wird die deutsche Sprache von ihr im ganzen Buch, in jedem Abschnitt, nach Gutdünken mißbraucht. Deutsche Namen werden verballhornt. Die Direktorin des Kinderheimes in Kalisch bzw. Kalisz heißt Johanna Zander. Die Autorin schreibt weder den Ortsnamen noch den Familiennamen korrekt. Ein Muttersprachler hätte die Fehler in kürzester Zeit beheben können. Deutlicher kann sie nicht zeigen, woran es ihr mit ihrem Werk gelegen ist: Deutschland, die Deutschen sollen gedemütigt und beleidigt werden. Die Schreibweise der Wörter und Begriffe wählt sie willkürlich, Substantive werden von ihr nicht dekliniert oder wenn, dann falsch, und sie erstellt deutsch-französische Phantasieübersetzungen. Die Autorin schreibt deutsche Begriffe nicht einmal richtig ab, sie gehen ihr so am Arsch vorbei, daß es ihr gleichgültig ist, was da steht, oder bringt sie die Fehler gar bewußt an?

Was der Begriff braune Schwestern bedeutet, von ihr ebenfalls sprachlich entstellt, interessiert sie nicht. Google.de bietet für "braune Schwestern" vier Unterteilungen sowie 4 440 Ergebnisse an: definition, im nationalsozialismus, aufgaben, krankenpflege. Bei ihr ist das ein Kodewort für zur Kopulation bereitstehende große, blonde, blauäugige junge Frauen, von denen manche das erst begriffen hätten, als es soweit war.

Wenn Deutsche so von ihr nachträglich für im Dritten Reich begangene Verbrechen bestraft und verachtet werden sollen, sei ihr mitgeteilt, daß es nicht wenige aschkenasische Juden gibt, die dank ihrer sehr geliebten deutschen Sprache physisch und/oder psychisch überleben können. Der heute 92-jährige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist einer von ihnen. Die deutsche Sprache ist Teil seiner Identität, sie ist sein portables Vaterland, wie er das nennt. Der Artikel Judith Butler. Eine Jüdin denkt nach über jüdische Fragen handelt davon, von der Rolle der Sprache bei der Bildung von Identität. Als im Herbst 2010 Max Raabe in Israel gastiert, wird deutlich, daß zahlreiche aus Deutschland vertriebene Juden und deren Kinder und Enkel trotz aller Nazi-Verbrechen bis heute die deutsche Sprache lieben und in Ehren halten. Sie alle beleidigt Sarah Cohen-Scali und nicht etwa nur nichtjüdische Deutsche.

Inhalt

Die Autorin teilt ihr Werk in vier Teile. Überschriften: keine. Inhaltsverzeichnis keines. Im ersten Teil (Seiten 7-131) geht's um das "Heim". So nennt sie das Heim "Hochland", in Steinhöring. Es sieht so aus, als daß sie noch nie vom Namen des Heimes gehört hat, es sei denn, sie wollte es mit Aberkennung des Namens strafen und der Vergessenheit anheimgeben. Wozu dann aber dieses Buch? 

Im zweiten Teil (Seiten 135-275) ist Max mit den "braunen Schwestern" und dem polnischen Spitzel Bibiana auf Kinderraub in Polen. Wie es da ohne die Abenteuer des Max zugegangen ist, liest man den Tatsachen entsprechend und wissenschaftlich belegt bei Georg Lilienthal (Seiten 207-225). 

Im dritten Teil (Seiten 279-372) gibt's Illusionen über die Heilung von der NS-Ideologie, wenn man sich mit einem Juden befreundet. Sie habe sich dabei vom Schicksal des Salomon Perel inspirieren lassen, Autor, Buch und Film sind bei uns bekannt unter Hitlerjunge Salomon. Abgesehen vom homosexuellen Sanitätsunteroffizier Heinz, der sich in ihn verliebt, ihn beim Baden überrumpelt, die Beschneidung sieht und stillschweigt, auch weil er als Schwuler selbst unter Verfolgung litte, wenn's rauskäme, gibt es wie eh und je niemanden, der ihn als Juden akzeptiert, im Gegenteil, er überlebt nur, weil er verheimlichen kann, daß er Jude ist. Und das ist weniger einem Wunder als der Umsicht des Salomon Perel zu danken: Selbst ist der Jude!

Die Autorin hätte sich besser von der Geschichte des Eduard Bloch, des Leibarztes der Familie Hitler, inspirieren lassen sollen, anstatt Kindern ab 15 Jahren Unsinn zu erzählen.

Im vierten Teil (Seiten 375-469) Sind Max, Manfred aus der Napola und der Jude Lukas in Berlin, bei den Trümmerfrauen und im Luftschutzkeller. Lukas organisiert alles prima, daß er Jude ist, glaubt keiner. Da stößt unter all den vergewaltigten Frauen Max auf seine Mutter, die ein Foto mit ihm und dem Führer an die Brust drückt. Es stammt von der SS-Taufe, aus Teil Eins. Mutter und Sohn erkennen einander nicht. Mutter und Lukas werden vom Ivan umgebracht. Wie das Leben im Luftschutzkeller tatsächlich geregelt ist, welche Kontrolle, welchen Terror die Nazi-Blockwarte dort ausüben, davon weiß die Autorin nichts.

Zum Schluß berichtet Sarah Cohen-Scali in einer dreiseitigen Notiz (Seiten 471-473), woher sie das alles hat, und da sollte derjenige, der im Gegensatz zu mir noch Sympathie für sie hegt, ihr zurufen: si tacuisses philosopha mansisses. Sie stützt sich vor allem auf Marc Hillel : Au nom de la race, aus dem Jahr 1975, deutsch Im Namen der Rasse. Es ist das älteste Sachbuch über den Lebensborn, der darin als Zuchtanstalt dargestellt wird. L'ouvrage de Marc Hillel est, je crois, le seul qui regroupe toutes les informations concernant le Lebensborn. Das Werk von Marc Hillel ist, glaube ich, das einzige, das alle den Lebensborn betreffenden Informationen vereint. croire kann auch heißen sich einbilden, was hier angemessener wäre, von der Autorin aber sicher nicht gemeint ist. Romanheld Max ist denn auch unter menschenunwürdigsten Bedingungen von vorab nach rassischen Kriterien bestimmten Geschlechtspartnern in der Kälte eines tristen Zimmers entstanden, seine zukünftige Mutter beißt die Zähne aufeinander und blickt während des Koitus aufs Führerbildnis an der Wand.

Der Verein Lebensspuren e.V., eine Interessengemeinschaft der Lebensbornkinder in Deutschland, veröffentlicht eine deutschsprachige Liste zu Literatur und Filmen zum Thema Lebensborn. Um deutsche Leser noch so richtig zu ärgern, erklärt die Autorin den "Tatsachen-Roman über die 'Arischen Zuchtstätten' Hitlers nach authentischem Material", Will Bertholds Reißer Lebensborn e.V., Kindler 1958, französisch verkaufsfördernder Les Fiancées du Führer. Die Bräute des Führers, Presses de la Cité, 1961, zu einer source précieuse, einer wertvollen Quelle. Was sie aufgeschnappt hat im Internet, das verheimlicht sie unter dem Vorwand, sie hätte "unglücklicherweise im Laufe ihrer 'Besuche' die Referenzen nicht notieren können." Schlau, so kann niemand ihr etwa nachweisen, abgekupfert zu haben.

Weitere Kommentare zum Buch gibt's vielleicht demnächst. Ich habe aber schon die Nase voll, das Buch ist eine Qual. Vorab so viel: Wie das Datum der Gründung des Vereins Lebensborn e.V. auf Veranlassung des RFSS Heinrich Himmler, 1933, das der Geburt des Max im Lebensborn-Heim "Hochland", in Steinhöring, 20. April 1936, und wie sein Name "Max", nach dem Direktor Max Sollmann, stimmt im ganzen Buch kaum etwas. Der Verein wird am 12. Dezember 1935 gegründet, das Heim "Hochland" nimmt die Arbeit am 15. August 1936 auf, Max Sollmann wird im Frühjahr 1940 Direktor. Soweit zum "historischen erstaunlichen Roman", gemäß Express-Rezensentin.

"Einem guten historischen Roman geht meistens auch eine gründliche und detailgenaue Recherche voraus, welche sich oftmals als sehr langwierig und schwierig herausstellt. Aus diesem Grund findet man in historischen Romanen häufig Gedankengänge, Sprachweisen und Gefühlsgänge, welche aus der Zeit des Autors stammen, jedoch nicht in die Zeit, in der der Roman spielt, passen," liest man auf der Website Romandefinition.de. Wenn's weiter nichts wäre! Im Buch "Max" stimmen nicht die einfachsten Daten, da stimmt letztlich überhaupt nichts, außer vielleicht die Gewinne des Verlages Gallimard.