1. Januar 2013

Frankreich. Warum daraus nichts wird


In der Gegend von Nantes, im Département Loire-Atlantique, wird ein Flughafen gebaut, l'Aeroport du Grand Ouest Notre-Dame-des-Landes. Seit vierzig Jahren wird daran gedacht, den Flughafen Nantes-Atlantique durch einen neuen zu ersetzen. Anfang der 90er Jahre erweist sich die Verlagerung nach Notre-Dame-des Landes für die beste Lösung. Im Jahr 2000 bestätigt die Regierung diese Wahl, Durchführbarkeitsstudien werden in Auftrag gegeben, und im Jahr 2003 beginnen öffentliche Diskussionen über den geplanten Flughafen. Drei Jahre später folgt ein öffentliches Anhörungsverfahren, das am 9. Februar 2008 zur Erklärung der Gemeinnützigkeit des Projektes führt. Es tritt in die Phase der Realisierung ein. 2017 soll der neue Flughafen in Betrieb genommen werden.

Wie bei allen solchen Großprojekten üblich, gibt es auch hier zahlreiche Gegner, betroffene Familien, Institutionen und Vereine, die Nachteile aller Art befürchten oder tatsächlich zu gewärtigen haben, Politiker, die sich Stimmengewinne erhoffen, wenn sie sich auf die Seite der Gegner stellen, oder die einfach gegen jeden Fortschritt sind, sowie die üblichen linken Protestler. Es soll hier nicht geurteilt werden, ob die Befürworter oder die Gegner des Flughafens im Recht sind, sondern wie die Regierung Frankreichs, wie ihr Innenminister Manuel Valls mit zwei protestierenden minderjährigen Schülerinnen verfährt, mit Geneviève Euvrard (Foto) und Camille Lauran, die eine ist 16 und die andere 17 Jahre alt. Beide sind Freundinnen aus Puy-en-Velay, in der Auvergne, 680 Kilometer entfernt von der Baustelle des Flughafens.

Am 4. Dezember, um 9 Uhr, machen sich die beiden unter einem Vorwand aus der Schule auf, sie haben einige zig Euro in der Tasche. Über Toulouse gelangen sie am 11. Dezember an ihren Zielort. Dort schließen sie sich den schon seit mehreren Wochen an der Baustelle kampierenden und agitierenden Flughafengegnern an und beteiligen sich an Protesten. Ihre Familien wissen nicht, wo sich ihre Kinder aufhalten, sie verschwinden ins Abenteuer. Es ist ihnen gleichgültig, ob sich jemand um sie Sorgen macht.

Ihre Eltern wissen nichts von dem Plan, sie erstatten Vermißtenanzeige im Kommissariat von Puy-en-Velay, sie schreiben der Staatsanwaltschaft, sie möchte doch bitte die Suche intensivieren, es möge gestattet werden, daß die Fotos der vermißten Schülerinnen in den französischen Medien veröffentlicht werden. Deren Verbreitung führt zu mehreren Hinweisen über den Verbleib der beiden, die Polizei kann ihre Nachforschungen fokussieren. Sie vermutet von Anfang an, daß die beiden nach Notre-Dame-des-Landes aufgebrochen sind. Es ist bekannt, daß die Schülerinnen sich einer anarchistischen Bewegung angeschlossen haben, die gegen den Flughafenbau kämpft. "Natürlicherweise helfen diese Kreise der Polizei und den Gendarmen nicht bei ihrer Untersuchung," erklärt der Staatsanwalt, und es sei tatsächlich "sehr schwierig, bei der gegenwärtigen Stimmung in Notre-Dame-des-Landes Straßensperren anzubringen oder Personenkontrollen durchzuführen."

Schließlich hat die ältere der beiden Schülerinnen Mitleid mit ihren Eltern, oder das Geld ist ihr ausgegangen, sie berichtet am Samstag, 29. Dezember, über ihren Aufenthaltsort. Der ist in ca. 200 bis 300 Meter Abstand von Polizei umzingelt. Als die Eltern mit ihrem Sohn an der Hütte im Wald von Notre-Dame-des-Landes ankommen, um ihre Tochter zu holen, werden sie von dort kampierenden Protestlern geschlagen und getreten, ihr Auto wird beschädigt, ohne daß die Polizei eingreift. Die Familie kann mit Camille entkommen, berichtet der Vater gegenüber AFP. Die Eltern veranlassen eine medizinische Untersuchung, der Staatsanwalt legt noch eine beim Psychiater nach, und siehe, der Tochter geht es rundum sehr gut, elle est en bonne santé et va très bien.

Geneviève ist derweil verschwunden, sie ist zu einer Demonstration nach Nantes aufgebrochen.Dort protestieren gegen den Flughafenbau ungefähr 300 Gegner vor dem Gefängnis, wie der Generalstaatsanwalt berichtet. Sie hat am Samstag, 29. Dezember, gegen 13 Uhr, mit ihrer Mutter telefoniert, "sie sprach, als wenn sie vor zehn Minuten losgezogen wäre. ... Sie sagte mir 'ich bin bei guter Gesundheit' in einem Ton, als wenn sie etwas abläse, sie sagte mir, sie käme zurück, 'aber nicht jetzt, weil es Sachen zu erledigen gibt'." Die alleinerziehende Mutter von Geneviève wagt es nicht, wie die Eltern von Camille nach Notre-Dame-des-Landes zu fahren, um ihre Tochter abzuholen: "Ich kann nicht allein gehen, die Eltern von Camille wurden angegriffen."

Geneviève wohne weiter im Lager, berichtet der im September 2012 aus dem warmen Guadeloupe ins zugige auvergnatische Amt beförderte Staatsanwalt von Puy-en-Velay Jacques Louvier, ein erfahrener Mann mit vielfältigen Kompetenzen, im Interview mit France 3. Die Anwendung von staatlicher Gewalt, sie abzuholen, in Puy-en-Velay eh in allen Bereichen personell unterbesetzt, sei keine "bevorzugte Option". Geneviève habe außerdem mitgeteilt, im Lager mit den anderen sei alles bestens und gut organisiert. Wie gut, sieht man auf dem Foto: Geneviève in Tarnhosen, Holzfällerstiefeln, schwarzer Lederjacke im Lagereinheitsstil, Wollpullover und -schal, und vor allem mit dem obligatorischen Palästinensertuch, vor einer Halde aus Stroh und Müll.

Die Staatsgewalt duldet es, daß Minderjährige, ob freiwillig, gezwungen oder psychisch manipuliert, sich aus ihren Elternhäusern entfernen und in eine solche Lage begeben, es besteht kein öffentliches Interesse, sich um die Kinder zu kümmern und den Eltern zu ihrem Recht zu verhelfen. Das ist beste Voraussetzung, daß andere Minderjährige sich daran ein Beispiel nehmen. Ist das gewollt?

Die Profis im Lager weisen jede Verantwortung für die Entscheidung Genevièves zurück, sie halten sich zugute, daß sie die Nachricht ihrer Mutter überhaupt an Geneviève haben gelangen lassen: "Sie ist da, sie lebt nicht auf der Straße, ganz allein und verloren in Frankreich. Sie hat zu Essen, sie ist in Sicherheit." Solche Äußerungen klingen nach älteren erfahrenen Systemgegnern. Wer sind sie? Wer finanziert sie? Wer liefert das Holz für die Hütten? Protestler im Lager errichten sie fachmännisch. Wer bezahlt und sorgt für das Baumaterial, vorhandene Steinmauern zu befestigen? Wer kann sich teuere Wohnmobile leisten, die am Straßenrand geparkt sind?

Mindestens ein Finanzier ist inzwischen bekannt, die Zeitung Le Parisien, bei uns in der Provinz verkauft als Aujourd'hui. Ihr Mitarbeiter Thibault Raisse führt gewiß nicht honorarfrei im Wald von Rohanne ein Exklusivinterview mit ihr, die sich den Decknamen "Kicheune" zugelegt habe, was angeblich aus dem lothringischen Wort "küchen" = quiche hergeleitet sei. Keine Ahnung von nichts, das Wort heißt wie im Deutschen "Kuchen": "Mir geht's gut, und ich bin glücklich," erzählt sie ihm und gibt einen Bericht über ihre Erfahrungen im Lager. Das Gemeinschaftsleben auf der Grundlage von Umweltprotest. Sie will nicht nach Hause zurück, und Innenminister Manuel Valls hält es für angebracht, darauf zu warten, daß sie eines Tages freiwillig geht, wenn sich die Lage beruhigt hat. Er schließt jede polizeiliche Intervention aus. Das heißt, daß auch die anderen Lagerinsassen nicht mit polizeilichen Maßnahmen zu rechnen haben. Seit November halten sie die Stellung. 

Was da abgeht, zeigt ATTAC in einem Video (3:59), vom 27. November 2012, eines Linolschnittkünstlers, eines weiteren Finanziers: Notre-Dame-des-Landes Kämpfe, Notre-Dame-des-Luttes. Ein Volksredner mit nacktem Oberkörper, neben ihm eine Frau, ebenfalls nackt, beide nur im Unterhöschen, umgeben von weiteren Kämpfern gegen den Flughafen, "oben ohne", beobachtet von der Gendarmerie, Kämpfer in den Baumwipfeln, in ausgespannten Netzen oder zwischen den Bäumen herumturnend auf dünnen Seilen, Kämpfer, durch den Wald stapfend und dabei alles niedertrampelnd, dann wieder der Redner, der von Spenden der Bevölkerung gelebt habe, "von Leuten, die mich nicht kennen", inzwischen werfen die Gendarmen Tränengas und packen einen der Kämpfer, ein Baumverschlag wird abgeräumt, darunter einige Gendarmen mit Schutzschild, gen Himmel starrend, dann werfen sich die Nackten auf die Knie, erst sieht es aus, als wollten sie wie die Muslime in Schlachtreihen beten, aber dann sieht man, daß sie nur "gewaltfrei" die Absperrung überwinden wollen.

Die hilflos werkelnden Gendarmen begleitet Johlen, und die anwesenden französischen Journalisten können einen weiteren Hit zur Brutalität der Staatsgewalt gegen wehrlose Menschen verbreiten, gegen Nackte! Es ist ein politisches Happening, in dem ein verrücktes nacktes Paar dazu dient, die Staatsgewalt lächerlich zu machen. Ein Bulldozer reißt lautstark und unter dem Geschrei der Kämpfer eine ihrer sehr fachmännisch gebauten Hütten nieder, eine Kämpferin in roten Hosen und Mützchen und mit Gasmaske wird abgeführt, wieder Tränengas, ein Kämpfer erhebt die Hände, als wenn er Angst hätte, gleich erschossen zu werden: Notre Dames Des Luttes.

Das ist das "freie Leben" der Geneviève seit Anfang Dezember 2012. Ihr fehle nichts, sie sei gesund und umgeben von wohlwollenden Menschen: "Ich bin im Einklang mit mir selbst." Zu Hause nämlich hat sie, seit ihr Vater verstorben ist, Schwierigkeiten mit ihrer Mutter, das Stadtleben mag sie ebenfalls nicht, ihr fehle der Kontakt zur Natur. Jetzt baut sie mit anderen eine neue Hütte. Es folgt ihre von den Grünen/Umweltschützern, der Neuen Antikapitalistischen Partei, der Linksfront und anderen nachgesprochene Philosophie des Kampfes für eine gerechte Sache: On défend une cause juste. Selbstverständlich kommt der 16-jährigen Schülerin nicht in den Sinn, daß die Sache vielleicht nicht gerecht sein könnte. Wertmaßstäbe, Regeln des Zusammenlebens, Kriterien für Gut und Böse hat sie weder zu Hause, noch in der Schule, noch gar von den Gendarmen im Wald von Rohanne vermittelt bekommen, sondern die bestimmt sie mit ihren politischen Freunden selbst. Das Vorgehen der Eltern von Camille, ihre Tochter abzuholen, betrachtet sie als Verrat. Sie habe anfangs gedacht, zwei bis drei Monate zu bleiben, dann woanders hinzugehen. Sie wolle draußen leben, unerwartete Begegnungen erleben, Bewegungsfreiheit haben. Ihre Familie möge ihre Entscheidung respektieren.

Die unerwarteten Begegnungen werden ihr gewiß sein, aber anders, als sie es sich träumen läßt. Die Regierung Frankreichs, den Innenminister Manuel Valls, veranlaßt das nicht zu umgehendem Handeln.

Man stelle es sich vor, die Regierung und ihre Behörden sind unfähig, unwillig, zögerlich, ängstlich, einigen Hundert linken Protestlern klarzumachen, wo ihre Grenzen sind. Innenminister und Justiz befürchten Ausschreitungen, wenn sie das Recht durchsetzen. Die Familie der einen Schülerin muß sich im Angesicht der Polizei von den neuen Freunden ihrer Tochter angreifen lassen, sie darf sich selbst verteidigen, die Mutter der anderen wird alleingelassen, keine Polizei steht ihr zur Seite, um ihre minderjährige Tochter abzuholen.

Ein Video (1:33) von France Info zeigt, was an der Flughafenbaustelle abgeht, feste Häuser aus Holz oder Stein werden errichtet, Protestprofis geben Interviews, mit oder ohne ihr Gesicht zu zeigen. Wer ist der gutgekleidete ältere Herr (0:25)? Die Polizei steht einige Meter entfernt und verschanzt sich hinter Schutzschilden (1:11) Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich ausschütten vor Lachen. Der Innenminister setzt seine Untergebenen dem Gespött der Straße aus. Die Muslime Frankreichs wissen das schon lange zu schätzen.

Es ist nicht im öffentlichen Interesse, was da abläuft? Warum nicht?

Es ist die Klientel der Sozialisten und ihrer Verbündeten, die vergrätzt würde, das ganze Lager ist eine linksradikale Hochburg. Geneviève und viele Prostestler im Lager könnten eines Tages geläutert sein und wie zahlreiche heute in hohen Funktionen des PS wirkende Funktionäre, ex-Trotzkisten/Lambertisten, ex-Maoisten etc. brauchbare Funktionäre des PS abgeben. Die vielversprechenden Kämpfer aus dem Wald von Rohanne dürfen nicht enttäuscht werden von der sozialistischen Regierung, sie könnten sonst beginnen, selbständig zu denken.