19. April 2018

Syrien. Auf die Luftschläge folgt die Luftnummer


Die Realitätsferne des Präsidenten Frankreichs und seiner Sprecher und Schreiber in den französischen Medien ist grenzenlos. Daraus folgen für uns alle gefährliche politische Fehleinschätzungen.

"Nach den Luftschlägen kommt die Zeit der Diplomatie zurück. Seinem guten Ruf des Vermittlers treu, der zu jedermann sprechen kann, drängt Emmanuel Macron seit Montag auf ein Projekt zu einer UNO-Resolution, von der er hofft, daß sie hilft, den Prozeß des politischen Übergangs in Syrien wieder in Gang zu setzen." Hier bräuchte man den Artikel "Der schmale Weg der Diplomatie in Syrien" nicht mehr weiterzulesen, man könnte noch erwähnen, daß frappe in diesem Fall am besten mit "Halunke" zu übersetzen wäre, dann hieße der erste Satz etwa: Nach den Halunken kommen weitere Halunken.


Le chemin étroit de la diplomatie en Syrie. Par Isabelle Lasserre,
Le Figaro, 18/19 avril 2018 [für Abonnenten]

Aber ich wüßte noch gern, auf welchen Tatsachen die Meinung der stellvertretenden Chefredakteurin Isabelle Lasserre beruht, Emmanuel Macron hätte "einen guten Ruf des Vermittlers ..., der zu jedermann sprechen kann", und so lese ich weiter über die Pläne dieses größenwahnsinnigen Präsidentendarstellers aus dem Lager der Neocons, die sich seit Jahrzehnten dem Regime Change im Mittleren Osten sowie in Rußland und Zentralasien widmen.

Das Halunkenstück der Luftschläge hätte die "Entschlossenheit der westlichen Welt" gezeigt, die demnach aus den USA, Großbritannien und Frankreich besteht. Nun müsse nur noch Rußland überzeugt werden, was sie aber als nicht schwierig einschätzt, weil "alle Welt sehr wohl zur Kenntnis genommen hat, daß Rußland nicht besonders versucht hatte, die Aktion von Frankreich, den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich zu verhindern." Hier nennt sie den Musterschüler der US Neocons zuerst; denn so wird es aus der Umgebung des französischen Außenministers Yves Le Drian berichtet, der durch den von Bashar al-Assad so bezeichneten "trilateralen Überfall" endlich wieder die Machtposition einnimmt, die er als Verteidigungsminister unter François Hollande innehatte.

Jahrelang hätten sich die Diplomaten des Westens vergeblich bemüht, einen Keil zu treiben zwischen Wladimir Putin und seinen Verbündeten Bashar al-Assad, nun "will Paris glauben", daß es diesmal klappt, nach allem "was das Regime getan hat".

Das französische croire = glauben, sich einbilden heißt englisch highly likely.

"Man glaubt verstanden zu haben", daß "Moskau den Chemie-Angriff von Douma nicht wirklich gutgeheißen hat". Ganz selbstverständlich ist es der Autorin des Artikels, daß dieser Angriff tatsächlich stattfand, und zwar durch Bashar al-Assad. Vermutungen werden als Wirklichkeit ausgegeben.

Es folgt die Ankündigung, daß "Paris die Sprache mit dem Iran und der Türkei wiederfinden will". Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus!

Frankreich, auf dem Gipfel von Macht und Herrlichkeit verkündet: "Wir wollen mit allen "acteurs du dossier" arbeiten, zu übersetzen etwa mit allen am Fall Beteiligten. Wörtlich hieße das aber viel treffender: "mit allen Schauspielern, die den Akt aufführen". Da aber merkt sogar die Journalistin, daß Rußlands Regierung dafür ausfällt, weil sie in der Schauspielkunst nicht so bewandert ist wie die französische Regierung, "der Kreml", ... dessen strategische Interessen nicht die der Troïka sind."


Mit "Troika" verbinden alle, die jemals etwas von Rußland mitgekriegt haben, das berühmte Lied Вот мчится тройка почтовая. "Da ist das dahineilende Dreigespann der Post", gesungen von meiner Lieblingssängerin Ljudmila Sykina, von Sergei Jakowlewitsch Lemeschew, und von vielen anderen russischen Sängern, hier eine besonders schöne Version von Taras Shtonda. In diesem Lied hat die Troika ganz andere Aufgaben als die Zerstörer Syriens USA, GB und F, sie bringt in Schnee und Eis die Post, eine Art russischer Thurn&Taxis.

Unter einem solchen Titel kann nichts aus dem Projekt Emmanuel Macrons werden: Begriff daneben, Denken daneben, Handeln daneben! Stattdessen wird Frankreich an seiner Arroganz ersticken!