23. Februar 2023

"Die ungarische Armee zur Stunde der großen Umwälzung"

Kristof Szalay-Bobrovniczky, Brüssel, 14. Februar 2023. Foto: Johanna Geron/Reuters
L'armée hongroise à l'heure du grand chambardement. Par Albert Kornél,

Der Begriff chambardement ist negativ konnotiert, PONS bietet außer Umwälzung noch Durcheinander, Tohuwabohu und Wandel. Bereits in der Überschrift macht Le Figaro klar, was davon zu halten ist.

Mit der Erinnerung an die Niederlagen der ungarischen Armee gegen die Rote Armee, 1943, in Stalingrad, und bei Mohács, 1526, gegen den osmanischen Sultan Suleiman den Prächtigen, im Osmanischen Reich genannt Süleymān al-Qānūnī, der Gesetzgeber, beginnt der Ungarn-Korrespondent. So ist sofort klar, welche Zukunft dem Unterfangen des Viktor Orbán und seinem Verteidigungsminister Kristof Szalay-Bobrovniczky eingeräumt wird: Eine Niederlage! Nebenbei wird Ungarn vorgeführt, das fast bis zum Ende an der Seite Nazi-Deutschlands gekämpft hat. Mehr kann Albert Kornél gerade nicht tun, um Ungarn zu diskreditieren. Nein, Karl der Große und die Awaren nicht auch noch!

So eingestimmt, ist es für das Figaro-Leser:in fast selbstverständlich, daß man in Ungarn sprachlos ist und die NATO Fragen stellt: Kann die ungarische Armee ihre Mission in der NATO noch ausführen, kann Ungarn die NATO- Verträge noch erfüllen?

Viktor Orbán versetzt alle hochrangigen ungarischen Militärs im NATO-Stab in den Ruhestand, was zum Verlust  wertvoller persönlicher Beziehungen sowie zum Vertrauensverlust  in den USA und bei den NATO-Verbündeten führt. Viktor Orbán beginnt jetzt, mitten in den Erwägungen der USA und der NATO zu einem offenen Krieg gegen Rußland, die technische Erneuerung der ungarischen Armee, die also, wenn's morgen losgehen sollte, schon aus technischen Gründen ausfiele. Dafür die Investitionen der USA, seit dem Eintritt Ungarns in die NATO, 1999! 

Außerdem liefert Viktor Orbán keine Waffen an die Ukraine. Droht ein "Huxit"?

Ministerpräsident Viktor Orbáns Rede zur Lage der Nation, Februar 2023

Jeder weiß, daß sich Ungarn weder den Ausstieg aus der EU noch aus der NATO politisch, militärisch und finanziell leisten kann. Die Zugehörigkeit zur NATO sei lebenswichtig für Ungarn, hätte Viktor Orbán in seiner Rede zur Lage der Nation erklärt. Schon am Folgetag aber hätte sich der Chef der Außenpolitik Chinas Wang Yi der "pro-chinesischen Politik" Ungarns beglückwünscht. Es ist am zweiten Tag nach der Rede, nicht am Folgetag, da der Direktor des Büros der Zentralen Kommission für auswärtige Angelegenheiten Chinas mit dem Außenminister Ungarns Peter Szijjarto in Budapest zusammentrifft. Eine Schamfrist ist nötig!

Albert Kornél berichtet aber nicht, was sonst wichtig ist für den Führer der Madjarenstämme und seine bemerkenswerte Rede: "Mamatschi, solche Pferde wollt' ich nicht!" und: "Sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft. Der Westen hat deutlich die Richtung in den Wilden Westen eingeschlagen."

Zur Mitgliedschaft Ungarns in der NATO und zur Beteiligung an dem Ukrainekrieg erklärt er u.a.: 

"Der Krieg hat auch einige lehrreiche und schwerwiegende Wahrheiten an die Oberfläche gebracht. Gehen wir nicht wortlos an ihnen vorbei. Da ist gleich die Frage unserer NATO-Mitgliedschaft. Stellen wir fest, dass die NATO-Mitgliedschaft für Ungarn von existenzieller Bedeutung ist. Wir liegen zu weit im Osten, am östlichen Rand der westlichen Welt, um auf sie verzichten zu können. Weiter innen wäre es natürlich einfacher, dem Beispiel Österreichs und der Schweiz folgend könnten auch wir mit dem Gedanken der Neutralität herumspielen, doch hat die Geschichte uns diesen Luxus nicht gegeben. ...

Die NATO-Mitgliedschaft bedeutet über die gemeinsame Verteidigung hinaus keinerlei Verpflichtung, und die Mitgliedsstaaten können voneinander auch gar nicht erwarten, dass im Interesse irgendeiner Art gemeinsamen Kriegsziels gemeinsam ein Land angegriffen werden soll. Wenn also einige NATO-Mitglieder oder eine Gruppe von ihnen außerhalb des Territoriums der Mitgliedsstaaten eine Kriegshandlung vollziehen wollen, dann müssen sie dies außerhalb des Rahmens der NATO machen. Wer will, der geht, wer nicht will, der geht nicht."


Albert Kornél kommt zum Thema Deutschland: Die Ungarn werden 2% ihres BIP aufwenden zur technologischen und personellen Erneuerung ihrer Armee. Wo kaufen sie die Waffen? "Zum großen Profit der deutschen Industrie", kaufen sie sie in Deutschland! 45 Leopard 2A7 sind bestellt. Wo, das berichtet er nicht, nämlich bei Krauss-Maffei Wegmann, KMW. Er verschweigt damit, daß es sich bei der Rüstungsfirma KMW um "ein Unternehmen der deutsch-französischen Wehrtechnikgruppe KNDS" handelt, und bei KNDS um KMW+nexter Defense Systems, eine "französisch-deutsche Gesellschaft, um den "Führer in der europäischen Landverteidigung".

Die letzten Aufträge von KNDS, derer sich das Rüstungsunternehmen rühmt, waren die Aufrüstung von 322 FENNEK Fahrzeugen der niederländischen Armee, 24 LEGUAN Brückenlegepanzer für die Bundeswehr, 42 JAGUAR, 271 GRIFFON und 364 SERVAL Fahrzeuge für das französische SCORPION Programm, wie auch Unterstützungs- und Dienstleistungsaktivitäten für die französische Armee und CAESAR Gewehre für Tschechien.

Das ist allerdings insofern peinlich, als Emmanuel Macron dem Joe Biden inzwischen und nach monatelangem Hin und Her bezüglich seiner Einstellung zu Wladimir Putin ewige Treue geschworen hat, Rußland zu "besiegen" wenn auch nicht zu "vernichten", und da der US-Präsident eben "der NATO-Ostflanke den Rücken stärkt", wie deutsche Medien sich nicht einkriegen, es begeistert zu berichten. "Biden stärkt der NATO Ostflanke den Rücken" bringt "ungefähr 206 Ergebnisse" (0,49 Sekunden), Stand: 23. Februar 2023, 16:20).

Viktor Orbàn erklärt derweil laut Albert Kornél, Ungarn könnte mit seinem technologisch aufgerüsteten Heer der NATO "eine schwere Brigade hinzufügen". Da die NATO aber "kein Kriegsbündnis ist", kann diese Brigade jederzeit der NATO entzogen werden, sollten die USA nicht Schluß machen mit ihren Operationen zur Erhaltung ihrer Weltherrschaft, oder?

Der Figaro-Artikel, vom 22. Februar 2023, 18:17 Uhr, wurde angeblich nur ein Mal kommentiert:

Brice Briselances, le 22/02/2023 à 23:48
"Eine Regierung, die wie die von Orban sich auf eine große Zustimmung ihrer Bevölkerung stützt, kann starke Entscheidungen treffen."