22. Mai 2012

Ägypten. Moderate "Islamisten" und die westliche Dekadenz

Muslim Brotherhood's presidential candidate Mohammed Morsi Photo: AP
Der Kairo-Korrespondent des britischen Telegraph Richard Spencer berichtet über Entwicklungen im "arabischen Frühling": Vor den am Mittwoch stattfindenden ersten freien Wahlen verkündet der vom konservativen Flügel der Muslimbrüder aufgestellte Kandidat Mohammed Morsi, ein in den USA ausgebildeter Professor für Ingenieurwesen, seine Forderung zur Freilassung des in den USA lebenslänglich wegen Anstiftung zum Terrorismus einsitzenden "blinden Scheichs" Omar Abdulrahman, und nun sind alle erstaunt - das heißt, doch nicht alle, nur diejenigen, die sich bis heute etwas vormachen über den friedlichen Islam und davon auch nicht lassen mögen.

Nach wie vor gibt's von Daniel Pipes über die westlichen MSM bis zu selbsternannten Islamexperten die Trennung zwischen Islam und Islamismus, englisch: islamism, französisch: islamisme, spanisch: islamismo, Pero islam e islamismo no son exactamente la misma cosa und den vertreten wiederum radikale, gemäßigte, liberale und mit sonstigen Eigenschaftswörtern geschönte "Islamisten". Diese beweisen ohne Unterlaß, daß die Träume in Ministerkabinetten, Redaktionsstuben, Konsistorien und Hörsälen Schäume sind, aber es ficht niemanden an. Gelächter und Siegesgewißheit der so unterschätzten Islamfunktionäre werden interpretiert als Freundschaftsbeweise.

Leben nach dem Schariarecht, Unterdrückung der Frauen, die sich dem Familienleben zu widmen haben, die Männer, statt Sex und Alkohol zuzusprechen, mögen sich bitte verstehen als "Soldaten im Projekt des Islam". So äußert sich der "liberale Islamist" Abdulmoneim Aboul Fotouh, seit er die Unterstützung der "ultrakonservativen Salafistenbewegung" Al-Nour gewonnen hat. Eine eben solche wird, wie man durch Georges Malbrunot, im Figaro, für die Kämpfer gegen die Alawitenherrschaft des Bashar al-Assad in Syrien erfährt, finanziert vom wahhabitischen Scheichtum Katar in Verbindung mit Geldern aus Saudi-Arabien. Herrschaft der Wahhabiten von Tunesien bis in den Südzipfel des Jemen ist angesagt, Ägypten liegt auf dem Wege.

Nach den Wahlen, die mit Sicherheit von den Muslimbrüdern und ihren Kumpanen von den Salafisten gewonnen werden, es ist nämlich wie im Iran, der Sieg wird auf dem Lande und in den Armenvierteln der Städte errungen, wird die Wein- und Bierproduktion geschlossen, die von dort einkommenden Steuern von acht Prozent des Gesamthaushalts fallen weg, aber die gläubigen Muslime sollen sich der Technologie- und Rüstungsindustrie zuwenden. Der Tourismus wird nicht erst erwähnt, er wird sich von dem Schlag nicht erholen.

Waffen werden benötigt, um den Feind Israel zu bekämpfen, den Feind und nicht den "Gegner", wie Präsidentschaftskandidat  Amr Moussa, der "liberale Nationalist", Israel sieht. Er wird keine Chance haben, und da bedarf es keiner Wahlfälschungen. Die zweite Runde der Wahlen geht an Abdulmoneim Aboul Fotouh, die Mehrheit der Ägypter meint, er sei der beste Interimspräsident, bis das Kalifat wieder eingerichtet sei: "Scharia ist für uns keine Illusion, es ist etwas, das wir vorher bereits in der Geschichte ausprobiert haben, und wir wollen dahin zurückkehren."

Nach dem Verhalten der westlichen Gesellschaften zu urteilen,  die der Eroberungsstrategie des Islam nichts entgegensetzen, sondern stattdessen vor den mit Drohungen verbundenen Forderungen zurückweichen, haben die Muslimbrüder und Salafisten allen Grund, ihren Kurs beizubehalten, oder meint jemand, die USA des Barack Obama kürzten ihre Militärhilfe, die Deutschen beendeten ihre Entwicklungshilfe? Die Franzosen stoppten den Export ihrer Kampfflugzeuge?

Seit 1834 nichts Neues

Wem ein wenig nach Geschichte zumute ist, in der die Scharia in Ägypten schon mit der Modernisierung verbunden werden sollte, der lese Dan Diner:  Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt. Noch niemals haben zum Überleben der islamischen Gesellschaften notwendige Reformen zu einer auch noch so unwesentlichen Strukturreform geführt.

Die Modernisierungsbemühungen Ägyptens zur Zeit des Herrschers Mehmed Ali (1769-1849) und die Rolle des 1834 erschienenen Tagebuches seines an der Spitze einer 40-köpfigen Delegation nach Paris, in die damalige Hochburg des technischen Fortschritts, entsandten Gelehrten und Imams Rifa´a at-Tahtawi (1801-1873) kann man dort ausführlich nachlesen. Der Name Tahtawi sei eine Erinnerungsikone, sie stehe für "besondere Reformanstrengungen in der arabischen Welt". Mangels weiterer vergleichbarer Anstrengungen schafft es die Erinnerungsikone bis in den Arab Human Development Report 2002, der wie auch die folgenden als die drei hauptsächlichen Defizite der arabischen Welt das Fehlen von Freiheit, unzureichende Rechte für Frauen und ein mangelhaftes Erziehungs- und Bildungssystem ausmacht. Das amerikanische Nachrichtenmagazin TIME krönt den Bericht im Jahr 2002 zur "wichtigsten Veröffentlichung des Jahres".

Dieselbe Zeitschrift dichtet dem Dr. Tariq Ramadan, Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna, im Jahr 2000 an, er habe über Friedrich Nietzsche promoviert und zählt den Prediger unter die 100 bemerkenswertesten "geistigen Erneuerer" der Welt. Seine Konvertitenfibel To Be a European Muslim schlägt angeblich eine Brücke von islamischen Werten zur westlichen Kultur. Dem Prediger kann nichts Besseres geschehen, als so grenzenlos mißverstanden zu werden. Nach Imam Rifa´a at-Tahtawi ist von Ägypten nur ähnliche Erneuerung ausgegangen wie die von Tariq Ramadan, Sayyid Qutb und Ayman al-Zawahiri. 

Bis heute haben alle Modernisierungsbemühungen niemals etwas an den Strukturen der gesellschaftlichen Ordnung geändert, es hat vereinzelt jüdische und christliche Politiker und Minister gegeben, der Dhimmi-Status wird dennoch niemals aufgehoben, er wird nur bei Bedarf zurückgedrängt. Die einfachen Leute der Juden und Christen bleiben minderwertig, sie sind der Willkür und Pogromen ausgesetzt. Das vergessene Pogrom von Safed findet im selben Jahr statt wie die Veröffentlichung des Tagebuchs der Erinnerungsikone.

Die Wahlen in Ägypten werden das Rad weiter zurückdrehen. Das wird westliche Politiker, Kirchenvertreter, Wissenschaftler und Medienschaffende nicht hindern, wie immer von "moderaten Islamisten" zu sprechen, und die westlichen Regierungen werden ihnen alles Wohlwollen der Steuerzahler zukommen lassen. Das ist die westliche Dekadenz!