7. August 2017

Neokonservatismus


Über den derzeit [im Frühjahr 2003] in den USA im Rampenlicht der Medien stehenden Politikwissenschaftler Leo Strauss, den Paten der Neokonservativen, ist in den deutschen Medien, in der SZ, der FAZ und der TAZ sowie in ARTE, im März 2003, schon einiges an Fakten mitgeteilt worden, so daß wir uns jetzt nur auf spezielle Aspekte und eine abweichende Gewichtung der Fakten beschränken wollen.

Leo Strauss (1899 bis 1973) ist Atheist und ein Bewunderer des Philosophen Martin Heidegger und des Juristen Carl Schmitt. Dieser ermöglicht ihm 1932, mit einem Stipendium der Rockefeller-Stiftung nach Frankreich zu reisen, wo er jüdische und islamische Philosophie des Mittelalters studiert. In Paris beeindruckt ihn der rechtsextreme Politiker und Journalist, der seit der Affäre Dreyfus als virulenter Judenhasser bekannte Gründer der royalistischen "Action française" Charles Maurras, und er bittet Carl Schmitt um ein Empfehlungsschreiben, um Charles Maurras persönlich kennenzulernen. In dessen Denken sieht er weitreichende Parallelen zur Lehre des von ihm studierten Thomas Hobbes. Anfang 1934 zieht er mit seiner Familie nach England. Er arbeitet weiter über Thomas Hobbes. 1935 wird außerdem endlich sein Buch über Maimonides, Rabbi Moses ben Maimon (Rambam), zu dessen 800. Geburtstag, veröffentlicht. 1937 geht Leo Strauss in die USA. Von 1938 bis 1948 lehrt er Politische Wissenschaften an der New Yorker New School for Social Research. Seine Familie in Deutschland wird 1942 von den Nazis ermordet.

Ab 1949 bis 1973 ist er Mitglied der Fakultät der Universität von Chicago. Einen Lehrstuhl in Jerusalem, ihm 1949 von Martin Buber angeboten, lehnt er ab. Er arbeitet hauptsächlich über die griechischen Philosophen, forscht und lehrt, und er nimmt über die Jahre verschiedene Gastprofessuren u.a. in Berkeley und in Jerusalem wahr. In Chicago lehrt er letzmalig 1967. Ab 1969 bis zu seinem Lebensende lehrt er am St John's College, Annapolis.

Seine Studenten sowie die Studenten seiner Studenten sind u.a. Allan Bloom, Harry Jaffa, Irving Kristol und dessen Sohn William Kristol, Paul D. Wolfowitz, Gary Schmitt, William J. Bennett, Newt Gingrich sowie der Direktor des neokonservativen Nebengeheimdienstes "Special Plans Operation" Abram Shulsky. Sein elitäres Denken wird von diesen begeistert übernommen: die Wahrheit ist nur für wenige bestimmt, das Volk, aber auch die jeweiligen Herrscher, die man berät, halten die Wahrheit nicht aus, und sie müssen deshalb belogen werden. Leo Strauss' Lehre ist für Menschen, die über den Beraterstatus für die Herrschenden niemals hinausgelangen, sie vermittelt Sklavenwissen. Sie macht fit, den Mächtigen zu dienen. Ihre reale Ohnmacht übertünchen diese Diener mit der Arroganz des "Wissenden". Dem steht nicht entgegen, daß sie auf George W. Bush Eindruck machen, denn der ist selbst kein Herrscher, genauso wenig wie seinerzeit Ronald Reagan. Sie sind Präsidentendarsteller. Solchen "Herrschern" sind die neokonservativen Intellektuellen überlegen, Dick Cheney, Frank Carlucci, Keith Rupert Murdoch, und selbst dem Alkoholfreund Richard Mellon Scaife sind sie unterlegen, denn sie sind von deren Gunst und Geld abhängig.

Die brillianten Ideen der Neokonservativen, ihr unermüdliches Streben, hat der GOP nach 1952 erstmals 1994 den Sieg beschert. "Sie versorgen die Konservativen mit den geeigneten Kritiken und Informationen, womit die linksliberale Sozialpolitik, das Projekt der Affirmative Action und das ausufernde Sozialprogramm bekämpft werden können." Dazu ist ein Newt Gingrich da. The Contract With America, GOPAC, beides ist ganz im Sinne der Mächtigen.

Glaubt jemand, die jahrelange Litanei des Paul D. Wolfowitz, dieses ceterum censeo, einen Regimewechsel im Irak herbeizuführen und auch die weiteren Staaten der Region der Demokratie zuzuführen, hätte jemals Gehör gefunden, wenn die tatsächlich Mächtigen der USA, die Rüstungs-, Beschaffungs- und Erdölkonzerne sowie die Investmentbanken das nicht ebenfalls so sähen? Das nächste Land wird nicht deshalb angegriffen, weil die kriegstreiberischen Fellows und Scholars im AEI und im "Weekly Standard" ihre Artikel produzieren, sondern dann, wenn die Rüstungsindustrie, Bechtel, Carlyle, Lockheed Martin, Booz Allen Hamilton usw. das nach der Durchrechnung als gewinnbringend erklären. So machen Steve Forbes und sein Magazin die Kalkulation für den Irak seinerzeit auch auf, als eine feindliche Übernahme eines Konzernes.

Meint jemand, das finanzielle Verlustprojekt "Weekly Standard" des William Kristol wäre auch nur mit einer Nummer erschienen, wenn das nicht im Sinne des "Weekly Standard"-Besitzers, des 54. reichsten Mannes der Welt, des $5,5 Milliarden [heute $12,5 Milliarden] schweren US-Amerikaners Keith Rupert Murdoch wäre? Und die anderen Blätter der angeblich mächtigen Kristol- und Podhoretz-Familie, wer finanziert sie denn, wer finanziert die Zeitschrift des American Jewish Committee "Commentary"? Das American Jewish Committee finanziert die Zeitschrift nicht allein, sondern sie wird von den Bradley-, Olin- und Sarah Scaife-Stiftungen von 1990 bis 2001 mit $2,46 Millionen unterstützt.

Die Ansichten des Leo Strauss, die Verehrung der antiken griechischen Philosophen, von denen keiner bei seiner Suche nach Tugend und Ordnung auch nur annähernd demokratische Lehren verkündet, was aus der Zeit heraus auch gar nicht möglich ist, seine Definition der Herrschaft, messianisches, fundamentalistisches Sendungsbewußtsein, die Verachtung von "Modernismus", Liberalismus und Gleichheit, haben die neokonservativen geistigen Söhne und Enkel des Leo Strauss in den USA mit den französischen Rechtsextremen Alain de Benoist und dem in Deutschland lebenden Pierre Krebs und deren Freunden gemein. Auch die beziehen sich auf die griechischen Philosophen und auf Carl Schmitt. Sie agitieren gegen den Egalitarismus und glauben an eine natürliche Hierarchie der Menschen. Alain de Benoist nennt seinen esoterischen Klüngel G.R.E.C.E. "Es geht ihm um eine langfristige und systematische, auf schrittweise Normenveränderung angelegte Strategie zur Erringung 'kultureller Hegemonie' zunächst an den Universitäten und in den Medien, um die notwendigen Voraussetzungen für einen Machterwerb zu schaffen", schreibt der Informationsdienst gegen Rechtsextremismus.

Pierre Krebs, der Gründer des Thule-Seminars, knüpft an die Konservative Revolution der Weimarer Republik an und propagiert die "Führung geistiger Eliten". Er kämpft für die "Wiedergeburt Europas". Wenn er US-Bürger wäre, kämpfte er für "Empower America". Auch Alain de Benoist und Pierre Krebs glauben nicht an den bürgerlichen Liberalismus und die Gleichheit aller Menschen, sondern allein an eine geistige Elite. Sie ist bei ihnen übrigens weiß und nichtjüdisch, was der Originalität der Ideen und ihrer Durchsetzung nicht guttut.

Die Strategie der schrittweisen Normenveränderung pflegen die Neokonservativen der USA bis zur Regierung des Ronald Reagan ebenso. "Wir in Amerika führten einen Kulturkampf", sagt Irving Kristol. Die Anhänger des Leo Strauss nähmen die Religion im Gegensatz zu den liberalen und den Linksintellektuellen ernst. Daher stammt also die innige Verbindung der Juden unter den Neokonservativen zu den fundamentalistischen Christen. Das ist die Verbindung zu den Massen, die sie doch im Grunde nicht interessieren, wie sie selbst sagen. Für diesen ungeheuerlichen Zynismus werden sie von den konservativen Stiftungen und von der Großindustrie mit Millionen Dollar bezahlt. Sie selbst, die Anhänger des Leo Strauss, interessierten sich meist nicht sonderlich für Religion, erinnert sich der Trotzkist, was zähle, sei die moralische Dimension, daß die Menschen, damit sie nicht in Nihilismus verfallen, zu einer Gemeinschaft gehören, die gewisse Wahrheiten heilig hält, sei wichtig. So will er das Volk zusammenhalten.

Pat Robertson und Konsorten leiten es dann nach Gutdünken. Individuelle Freiheit für die Bürger kommt nicht vor in dem System, nur ein starker Staat, der seine Schäfchen zusammen- und unter Kontrolle hält. Rechtsextreme Staatsmänner hätten ihre Freude.

Man könnte verallgemeinernd sagen, daß ein aktueller Bezug auf die alten Griechen in den Politischen Wissenschaften so gut wie immer die Reaktionäre und Rechtsextremen entlarvt. In den USA bedienen sich die Mächtigen gegenwärtig der rechtsextremen Intellektuellen. Es bleibt ihnen auch nicht viel übrig. Aggression nach außen, zur Sicherung der Vorherrschaft in der Welt, und nach innen, zur Unterdrückung von Kritik und Protest gegen die ständige Verschlimmerung der wirtschaftlichen Lage der Masse der Bevölkerung, kann in der benötigten Konsequenz von Liberalen nicht geliefert werden. Die reichen für Hollywood.

Im Unterschied zu vielen Einschätzungen, die von der "Macht der Ideen" dieser Bewegung ausgehen, von einer Verschwörung ("Cabal") von Intellektuellen, gar von einer jüdischen Verschwörung zur Instrumentalisierung der USA für die Interessen Israels, sollte von der "Macht" in den USA ausgegangen werden. Nicht die neokonservativen Intellektuellen benutzen die Bush-Regierung, sondern diese fleddert deren ideologisches Zeughaus.

Irving Kristol


Irving Kristol, nach Leo Strauss der zweite Pate des Neokonservatismus, stellt in der Bradley Lecture des AEI, im Oktober 2001 dar, daß der Neokonservative ein "von der Wirklichkeit eingeholter Liberaler" sei.

Irving Kristol, Jahrgang 1920, ist kein "von der Wirklichkeit eingeholter Liberaler", er ist zu keiner Zeit ein Liberaler, auch nicht in seinen antikommunistischen "liberalen" Nachkriegsjahren, sondern er ist Trotzkist. Für Trotzkisten sind "Macht" und "permanente Revolution" Lebensinhalt. Irving Kristol war und ist, was die Strategie angeht, noch heute Trotzkist, ein des Inhalts entleerter Trotzkist.

Irving Kristols Trotzkismus fängt im Alkoven Nr. 1 des New York City College (CCNY) in den 40er Jahren an, da ist er, der arme Student aus Brooklyn, Mitglied der Young People's Socialist League der Vierten Internationale. Die Trotzkisten wollen die permanente Revolution. Das haben sie mit Leo Strauss gemein, der erklärt, daß man ununterbrochen zu kämpfen habe, um zu überleben. Die Trotzkisten wie die Anhänger des Leo Strauss glauben an fortwährenden Krieg, und nicht an fortwährenden Frieden. Diese Lehre wollen sie gerade jetzt der Welt aufzwingen. Im CCNY interessiert ihn Alkoven Nr. 1 und Nr. 2, die Räume der antistalinistischen und der der stalinistischen Linken. Zwischen diesen beiden Räumen, jeweils mit einer Handvoll Studenten besetzt, sei der Krieg der Welten geführt worden über "die gesichtslosen Körper der Studentenmassen, die wir verzweifelt versuchten, in die 'richtige Position' zu manipulieren, aber über die wir, um die Wahrheit zu sagen, wenig wußten und die uns noch weniger interessierten... was die passive Mehrheit meinte, zählte nicht ... Wir in Alkoven Nr. 1 waren äußerst besorgt, 'richtig' zu liegen, in Politik, Wirtschaft, Soziologie, Philosophie, Geschichte, Anthropologie usw. Es war wesentlich, in allen diesen Wissensbereichen richtig zu liegen." Sie sehen sich als die "Happy Few", die "von der Geschichte erwählt sind, unsere Mitmenschen zu einer weltlichen Erfüllung zu führen". Eine messianische Aufgabe!

Dazu kann man nur bemerken , daß sich nichts geändert hat bis heute. Von Anfang an werden Menschen, die einen nichts angehen, über die man kaum etwas weiß, manipuliert und beherrscht. Wesentlich ist es auch heute, richtig zu liegen, den Mächtigen des Staates das zu liefern, was diese benötigen, der vollkommene Diener der Staatsmacht der USA zu sein.

Die Mannschaft des Alkoven Nr. 1 wird zusammengehalten in der Gegnerschaft zu den Stalinisten in Alkoven Nr. 2. Auch da hat sich zu heute nichts geändert, die Neokonservativen stehen zusammen gegen den äußeren Feind, sowohl im Lande als auch in der Welt. Das jedenfalls ist die Meinung des Leo Strauss: eine starke Regierung kann es nur geben, wenn Menschen einig sind, und sie können nur gegen andere vereint werden. Alkovenphilosophie.

Interessant ist auch, daß Irving Kristol nicht in dem jüdischen Alkoven verkehrt, den gibt es auch. Wen wundert es da heute, daß Irving Kristol meint, die Trennung von Staat und Kirche (!) sei der größte Fehler gewesen, den die Gründer der USA hätten begehen können, denn eine säkulare Gesellschaft sei die schlimmste aller Möglichkeiten. Sie führe zu Individualismus, Liberalismus und Relativismus. Schon von dieser Ansicht her ist klar, daß die Israelfreundschaft des Irving Kristol und der anderen jüdischen Neokonservativen reine Heuchelei ist.

Irving Kristol wird von den Bradley- und Olin-Stiftungen bis 1999 mit $1,4 Millionen finanziert. Gegenwärtig ist er Senior Fellow beim AEI. Seine Jahreseinkünfte, die ab 2000 nur noch zur Hälfte von den Stiftungen finanziert werden, betragen jährlich ca. $125 000. Irving Kristol gibt die Zeitschrift "National Interest" und die Public Interest Magazine heraus, die von den Bradley- und Olin-Stiftungen über die Firma National Affairs, Inc. bis 2001 mit $7,57 Millionen finanziert werden. Conrad Lord Black of Crossharbour und sein Hollinger Imperium finanzieren den "National Interest" bis heute. Zum Beratergremium des "National Interest" gehören u.a. Henry Kissinger, Jeane Kirkpatrick und der oben erwähnte Rassist Charles Murray. Wir sehen, daß sich die Juden unter den Alt- und Neokonservativen nicht zu schade sind, mit den übelsten Rassisten gemeinsame Sache zu machen.

Für sein gemeinsam mit William Simon geführtes Institute for Educational Affairs erhält er von 1985 bis zu dessen Verschmelzung mit dem Madison Center zum Intercollegiate Studies Institute $1,68 Millionen allein von den konservativen Stiftungen. Das Institut vergibt Promotionsstipendien an erfolgversprechende Jungkonservative und hilft ihnen bei der Stellenfindung. Diverse konservative Stiftungen zahlen $100 000 Startkapital. Die wesentlichen Gelder kommen von Coca-Cola, Dow Chemical, Ford Motor Co., General Electric, K-Mart, Mobil und Nestlé. Einer der begünstigten ist Dinesh D'Souza, Autor des rassistischen Buches "The End of Rassism". Das Intercollegiate Studies Institute erhält allein von den konservativen Stiftungen von 1985 bis 2001 $12,66 Millionen. Die Höhe der Subventionen der Industrie ist hier nicht bekannt.

Auszug aus Teil III, 17. Mai 2003

Stiftungen, Think Tanks, und Neokonservative in den USA
Teil I: Hegemonie, Rüstungsgewinne, Wünsche und Träume, 3. Mai 2003

Stiftungen, Think Tanks, und Neokonservative in den USA