24. Juni 2011

Le Figaro und die Krankheit der französischen Kultur

Die blühendste Phantasie kann sich die Ausmaße des in Frankreich grassierenden Anti-Amerikanismus nicht vorstellen, ebensowenig das Fehlen jeglichen Verständnisses von Fairness, die sich beispielsweise äußert in der Gleichheit aller vor dem Gesetz. Die französische Gesellschaft lebt nicht unter dem vielgerühmten Motto "liberté, égalité, fraternité", Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sondern libertinage, ça m'est égal, paternalisme. Frivolität, das ist mir gleichgültig, Paternalismus des Staates. Die Berichterstattung über die "Affäre DSK" zeigt es in jedem Beitrag.

Am 23. Mai 2011 berichtet Marie-Amélie Lombard im Figaro unter dem Titel La défense de DSK commence à affûter ses armes. Die Verteidigung des Dominique Strauss-Kahn beginnt, ihre Waffen zu schärfen, darüber, daß die Anwälte um Benjamin Brafman alles tun, um die Klägerin zu diskreditieren, in die New Yorker Bronx und nach Afrika entsandte Detektive kämmen alles durch, was das Leben der Klägerin Nafissatou Diallo von ihrer Geburt an bestimmt hat. Nicht nur das Liebesleben der 32-jährigen Muslimin aus dem Stamme der Fulbe, sondern einfach alles leuchten sie aus. Geprüft wird, ob man der Klägerin Lügen und unmoralisches Verhalten nachweisen kann.

Es handelt sich um Auskünfte Dritter, von denen Marie-Amélie Lombard selbstverständlich annimmt, sie könnten Eingang in die Prozeßakten finden, während sie mitteilt, daß die amerikanische Justiz Aussagen Dritter über DSK für nicht zulässig erkläre, beispielsweise von Manhattan Madam Kristin Davis, der Chefin eines Callgirl-Betriebes, dessen Dienste DSK des öfteren in Anspruch genommen hat: "Die Zeugenaussagen auf Grund eines Dritten hin oder hinweisend auf den Charakter und das Verhalten eines Angeklagten sind grundsätzlich nicht zulässig, weil sie als 'nachteilig' angesehen werden, stimmen die New Yorker Anwälte überein." Ich habe einige Absätze aus dem Artikel der Korrespondentin Adèle Smith, vom selben Tag, "Manhattan Madam" prête à témoigner contre DSK. Manhattan Madam bereit, gegen DSK auszusagen, in französisch und deutsch dokumentiert.

Im einen Fall ist es für den Figaro selbstverständlich, daß Informationen Dritter gesammelt und verwendet werden, im anderen Fall bemüht er sogar die amerikanische Justiz, die ein solches Vorgehen nicht zulasse. Ein Journalist mit Bewußtsein von Recht und Gesetz käme zu dem Ergebnis, daß in beiden Fällen gleich zu verfahren sei. Im Figaro redet man der Ungerechtigkeit das Wort, daß im einen Fall alles zugezogen werden kann, im anderen aber nichts: "Im Klartext, daß DSK eventuell die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen hat, tut in der Affäre des Hotels Sofitel nichts zur Sache. Abgesehen von präzisen Fakten und klar zugeordneten Zeugenaussagen, kann das vergangene Sexualleben des Angeklagten theoretisch im Gericht nicht genutzt werden." Auffällig dabei ist der Einschub "en théorie", theoretisch. So läßt sich Adèle Smith ein Türchen offen, sollte es doch anders kommen. Man kann nur hoffen, daß Samantha, das Callgirl, das angeblich entsetzt vom Rendez-vous kam und nie wieder etwas mit DSK zu tun haben wollte, vor Gericht aussagt.

Nun ist ein wenig Ruhe um die "Affäre DSK", der nächste Termin ist im Juli, aber der Figaro hält die Sache am Köcheln. DSK : un avocat français pour Nafissatou Diallo ist der Artikel von Marie-Amélie Lombard-Latune, vom 24. Juni 2011, Seite 10, überschrieben. DSK: ein französischer Anwalt für Nafissatou Diallo.

Den Artikel lese ich in meinem Stamm-Café und nehme als gewiß an, daß ich ihn zu Hause im Internet finde. In die Suchfunktion des Figaro eingegeben, liest man aber nur eine sehr kurze Zusammenfassung darüber, daß der erfolgreiche Pariser Anwalt Thibault de Montbrial von Nafissatou Diallos New Yorker Anwalt Kenneth Thompson beauftragt worden ist, ihre, des "mutmaßlichen Opfers", Interessen in Frankreich zu vertreten. Anfang Juni hat der Anwalt in New York eventuell von DSK angegriffene "Frauen in Frankreich oder in Afrika" aufgerufen, sich zu melden. Darunter steht, daß Tristane Banon dem Prozeß gegen DSK in New York fernbleiben werde. Es scheint eine große Sorge der Redaktion des Figaro zu sein, daß es vielleicht demnächst anders kommen könnte. Man möchte sie trösten: Kennen sie Ihre Landsleute so wenig? Haben Sie nicht das Vidéo der Sendung von Thierry Ardisson gesehen, wo Tristane Banon ihre Geschichte mit dem "chimpanzé en rut", dem brünstigen Schimpansen, vor einem Männerpublikum + einer Frau ausbreitet? Inzwischen sind die Namen des Publikums entfernt, das sich bei Kerzenschein über die abgewehrte Vergewaltigung ergötzt hat.

Bei YouTube findet man heute 125 Vidéos zum Thema Tristane Banon. Von einem Bewußtsein für Recht, gar einem Zeichen von Solidarität mit anderen Frauen, ist nichts darin zu finden. Tristane Banon will mit der amerikanischen Justiz nichts zu tun haben, sie hat die Lehre von der Überlegenheit der französischen Justiz sowie die politischen Verbindungen ihrer Mutter mit dem Parti Socialiste verstanden. Der Fall wird unter Genossen geregelt.

Nun versuche ich noch einmal, den Artikel zu finden, und zwar bei Google, unter seinem Titel. *Staun*! Dort ist er in voller Länge, Foto des Anwalts anbei.

Der Anwalt sei der Verbindungsmann von Kenneth Thompson in Frankreich: "Ich bin dazu da herauszufinden, ob eventuelle weitere Opfer des Dominique Strauss-Kahn sich zu melden wünschen." Trotz der von seiner Anwaltspraxis in der Nähe des Park Monceau ausgehenden nicht abreißenden Appelle, vom Nachmittag des 22. Juni, äußert er sich nicht weiter, er ist zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die Ortsangabe der Journalistin aber drückt die ganze Empörung über den Anwalt aus, im piekfeinen Quartier des Park Monceau sitzt der Verräter Frankreichs.

Von Kenneth Tompson sei seit einigen Wochen bekannt, vor allem seit dem Aufruf im Fernsehsender France 2, vom 7. Juni, daß die Berater des Zimmermädchens vom Sofitel von DSK angegriffene Frauen in Frankreich und Afrika suchen. "Une quête plutôt surprenante, voire malsaine dans la culture française, mais qui ne choque guère aux États-Unis." Eine in der französischen Kultur eher überraschende, ja sogar krankhafte Suche, die aber in den Vereinigten Staaten kaum schockiert.

Es wird in Frankreich als krankhaft angesehen, daß Zeugen gesucht und Täter überführt werden, in den USA hat man damit keine Probleme. Im Artikel Iran. Volksmudjaheddin als Kanonenfutter für den Westen habe ich der französischen Justiz Ehre erwiesen. In einem Fall vom 17. Juni 2003 ergeht das Urteil bereits nach acht Jahren. Fälle wie der des Didier Julia und seiner unter Mitwisserschaft der Regierung Frankreichs bestandenen Irak-Abenteuer werden gar nicht verhandelt. Man gewinnt einen Eindruck, wie der Fall DSK verhandelt worden wäre, wenn er sich hätte nach Paris absetzen können. Das ist die gesunde französische Kultur: Es wird alles unter den Teppich gekehrt.

Und dann sagt der Anwalt nicht einmal, ob sich Frauen gemeldet haben. Kenneth Tompson und sein Partner Douglas Wigdor haben einen Verbindungsmann in Paris gesucht, und eine bestimmte Anzahl von Kollegen angesprochen, "certains n'hésitant pas à faire acte de candidature. Une 'short-list' a été établie, la capacité à comprendre et à parler l'anglais n'étant pas le moindre des critères." Von denen gewisse nicht gezögert haben, sich zu bewerben, "certains". Eine Short Liste ist aufgestellt worden, bei der die Fähigkeit, englisch zu verstehen und zu sprechen nicht das geringste Kriterium war.

Man muß es sich vorstellen, es gibt in Frankreich Anwälte, die sich gemein machen mit der amerikanischen Justiz. Gut, die meisten fallen schon deshalb als Verräter aus, weil sie kein Englisch können. Bretonisch, Katalanisch und Okzitanisch zählen in den USA nicht als Amtssprachen, von "DurchdieNase" und "ÜberandereLeute" nicht zu reden. "Certains", gewisse, lateinisch quidam, persisch foulan, haben sich beworben, wird pejorativ gebraucht, das heißt in allen Sprachen, es sind anrüchige Anwälte, man kennt sie und wird sie sich merken.