15. Februar 2020

Frankreich. Ein Exhibitionist wird zum Opfer stilisiert

Die Elite aus Politik und Medien ganz Frankreichs steht Kopf, unter ihnen vor allem die Männer. Le Figaro bietet alles auf, was in der Redaktion und was an Edelfedern verfügbar ist: "Griveaux-Affäre. Die Politik im Schockzustand". La politique en état de choc. Das ist La Une, der Aufmacher der Wochenendausgabe. Die Seiten  2 bis 5 und 14 und 15, dort eine halbe Seite, werden dem Angriff auf die Grundfesten Frankreichs gewidmet. Es geht um ein "privates Video sexuellen Charakters" des Kandidaten für den Posten des Oberbürgermeisters von Paris, bei den Wahlen vom 15. und 22. März 2020: "Rücktritt Griveaux: Verdutzt sorgt sich die politische Klasse einer 'Bedrohung der Demokratie' wegen", stupéfaite, la classe politique s’inquiète d’une «menace pour la démocratie». Par Loris Boichot, Le Figaro, 14 février 2020.

Update, vom 16. und 17. Februar 2020
Wer es vermißt hat: Rußlands Geheimdienst hat den Sturz des Hoffnungsträgers organisiert.
Politiker die alles entgrenzen, was Bürgern heilig ist, fordern ein Privatleben im öffentlichen Raum!

Mehr erfährt der Leser der fünfeinhalb Seiten nicht über "die 'Amerikanisierung' des öffentlichen Lebens". Der Schockzustand verbietet es dem Chefredakteur, auch nur anzudeuten, worum es in dem Video geht. Dazu bedarf es des Lokalblatts L'Indépendant, vom 14./15. Februar 2020:

Benjamin Griveaux, der Kandidat des Emmanuel Macron und seiner Partei La République en marche (LREM), beeindruckt eine von ihm begehrte Dame, "die eine einvernehmliche sexuelle Beziehung" mit ihm hatte, in dem er sich vor laufender Kamera seines Mobilphones einen runter holt und das Video an die angebetete Dulcinea schickt. Diese, not amused, spielt es dem Pjotr Pawlenski zu, einem 35-jährigen für seine Anklagen des Putin-Regimes bekannten und in Frankreich dafür beliebten Russen.

Der "Künstler-Aktivist" ist für seine Provokationen schon in Rußland nicht geschätzt. Er rollt sich ein in Stacheldraht, um gegen die Gesetze Rußlands zu protestieren, schneidet einen Teil seines Ohres ab, schüttet an die Tore des Gebäudes des ehemaligen KGB Benzin und zündet sie an. Dafür wird er zur Untersuchung in die Psychiatrie gesteckt. Kaum dort entlassen, weil kein Gutachter ihn für verrückt erklärt, klagt eine junge Schauspielerin ihn und seine Lebensgefährtin sexueller Angriffe wegen an. "Schreiend, dies wäre ein abgekartetes Spiel und politische Verfolgung", flieht er Hals über Kopf, im Dezember 2016, die Schergen des Wladimir Wladimirowitsch.

Libération hat schon in Moskau beste Kontakte zum Künstler. In Paris wird er von der Elite aus Politik und Medien mit offenen Armen aufgenommen.

Ab Mai 2017 macht er von sich reden, im Oktober 2017 zündet er die Fassade einer Zweigstelle der  Zentralbank Frankreichs an, des "Finanzwesens ohne Gesicht". Für diese "künstlerische Performance" wird er, im Januar 2019, zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, davon zwei mit Bewährung.

Das Video kommt dem der Haft entronnenen Künstler gelegen, er richtet eine "in den USA gehostete geheime Website ein" und veröffentlicht es. Er erklärt, er hätte die Heuchelei des Benjamin Griveaux anprangern wollen: "Das ist einer, der sich andauernd auf die Werte der Familie stützt, der sagt, er will der Bürgermeister der Familien sein, und der immer als Beispiel seine Frau und seine Kinder zitiert. Aber er macht genau das Gegenteil."

Wer bis hierher durchgehalten hat, dem wird aufgefallen sein, welche Parallelen der Fall zur Wahl des Ministerpräsidenten von Thüringen hat.

Die Demokratie wird nicht etwa bedroht durch einen heuchlerischen Politiker, der vor der Kamera onaniert und damit eine Geliebte beglückt, der seine Familie und die Bürger belügt und betrügt, der auch noch dazu unfähig ist zu erkennen, welche Folgen die Verbreitung seines Handwerks haben kann, dem man also im Amt kein Urteil der Vernunft zutrauen sollte, sondern die Demokratie wird bedroht dadurch, daß durch die Veröffentlichung des "privaten" Videos die mangelnde Qualifikation des Handwerkers für den Posten des Oberbürgermeisters von Paris dokumentiert wird.

Die bei uns (noch) herrschenden Eliten verdrehen alles ins Gegenteil. Wann ist Schluß damit?

"Die Frage des Tages
Hat Benjamin Griveaux recht, seine Kandidatur zum Oberbürgermeister von Paris zurückzuziehen?
Ja: 72,23%; Nein: 27,77%. Abgestimmt haben 159 000 Leser", 15. Februar 2020, Mitternacht.

Kommentar von PFMOREAU, 15. Februar 2020, 14:51 Uhr
"'Tu, was ich sage, und nicht, was ich tue', Das Beispiel von Politik, die keine Moral kennt. Ja, das Privatleben eines Mannes, der gewählt werden will, geht uns an!!! Es ist wichtig zu wissen, ob seine Sätze Heuchelei sind oder tatsächlich seine Konzeption des Lebens. Offensichtlich hatte Griveaux nicht das geringste moralische Empfinden, und er betrog seine Frau!!!"

Le Figaro, 15. Februar 2020, 10:37 Uhr

Jetzt klagt er gegen X, und im Laufe dieses Verfahrens wird alles wieder hochkommen, was an Schlüpfrigkeiten der regierenden Politiker bekannt wurde, angefangen bei Alexandre Benalla.

"Kommentar von CarloSolis, 15. Februar 2020, 22:53 Uhr
Streber, hochmütig, dünkelhaft, unfähig und geringschätzend. Macronie reinsten Wassers.
Niemand wird ihn bedauern und beweinen außer den Trollen der Zelle 'Gegenschlag' der Macronisten, die versuchen, die einen so lächerlich wie die anderen, in den Foren, Gegenfeuer zu entfachen."

Benjamin Griveaux le 14 février 2020 à Paris. Lionel Bonaventure /AFP
Benjamin Griveaux a déposé plainte. Par Aude Bariéty, Le Figaro, 15 février 2020

Mandy Rice-Davies and Christine Keeler
Photo by Keystone/Hulton Archive/Getty Images
Wer erinnert sich noch an die alten Zeiten des John Profumo und der Christine Keeler? 😭😭😭

Update, vom 16. und 17. Februar 2020

Erstaunlich, daß auf den fünfeinhalb Seiten, im Figaro, nicht einmal eine Andeutung über  Aktivitäten des russischen Geheimdienstes zu lesen war. Vielleicht erfahren die Leser ja in der Montagsausgabe diesbezügliche Beschuldigungen.

Bingo! Endlich! Es ist der russische Geheimdienst! Es sind die Russen! Und nun wird alles aufgefahren, was diese Bösen Buben auszeichnet. Von Mata Hari, Spionin für Frankreich, hat man im Figaro noch nie gehört, auch nicht von John Philby, dem die USA ihre Vorherrschaft in Saudi-Arabien und die palästinensischen Araber die haschemitischen Herrscher und ihren Wüstenanhang verdanken.

Der "Artist" arbeitete mit Methoden russischer "Dienste", meint Le Figaro.
Affaire Griveaux: les vieilles ficelles du «kompromat» russe. Par Alain Barluet

Emmanuel Macron hat sich am 15. Februar 2020, auf der 56. Münchner Sicherheitskonferenz entsprechend geäußert. Das steht heute im sozialistischen katalanischen Dorf-Parisien, genannt Aujourd'hui, auf Seite 5.

Der Russe Pjotr Pawlenski, "anti-Putin-Aktivist", hat demnach am Mittwoch, 12. Februar 2020, erklärt, in seinem Besitz befänden sich mehrere Videos des einsam bei der Handarbeit gefilmten Benjamin Griveaux: On voit Benjamin Griveaux se livrer à du sexe solitaire. Die Dame, der er das geschickt hat, wäre die inzwischen ebenfalls inhaftierte Freundin des Pjotr Pawlenski. Es hätte sich um eine "private Diskussion auf Facebook" gehandelt. Das stelle man sich vor: Auf Facebook! Privat!

Und nun geht's an die Fragen: War es ein "Politischer Akt", eine "persönliche Rache",  ein "abgekartetes Spiel"? Pjotrs Freundin hege keine Animositäten gegen den ehemaligen Staatssekretär.

Nun kommt Emmanuel Macron, den man schon lange erwartet hat, kennt er sich doch in Perversitäten und Perversionen aller Art bestens aus. Er bezichtigt Rußland, einen "äußerst aggressiven Akteur", der "versuchten Einmischung in die Politik des Westens", und da hinein gehörte auch der Sturz des Benjamin Griveaux. Ihm sei das vor dem ersten Wahlgang zur Präsidentschaft 2017 geschehen, und er wisse, woher das gekommen wäre, nämlich von zwei Hackern des russischen Militärgeheimdienstes GRU auf Anordnung des "Kreml-Meisters", du Maître du Kremlin. Weitere Agenten wären Russia Today und Sputnik. Wladimir Putin wollte das doch absolut nicht eingestehen!

Mit der Einschätzung als Versuch läßt er sich die Tür offen, um gegebenenfalls mit Rußland gegen die USA zu paktieren. Wer sagt es ihm nur, daß daraus nichts wird?

Macron met en garde contre une ingérence russe. Par Jannick Alimi, Le Parisien, 16  février 2020

Eine Politikerkaste, die sich die Freiheit nimmt, halt- und schamlos alles zu entgrenzen, was den Bürgern heilig ist, beginnend mit den Datenerhebungen, weiter mit der Ehe für alle, Kinder ohne Vater für alle, endend bei der Abschaffung der nationalen Grenzen, diese Kaste fordert den gesamten öffentlichen Raum, einschließlich Internet, für sich selbst als Chambre séparée.

"'Affäre Griveaux': zwischen ausschweifender Freiheit und  schändlicher Denunziation"
"Affaire Griveaux" : entre liberté dévergondée et délation odieuse. Par Chantal Delsol,

Es gibt kein Privatleben im Internet. Benjamin Griveaux hat sich in den öffentlichen Raum begeben, und im öffentlichen Raum wird er politisch und privat erledigt!