Le cauchemar - der Alptraum - the Nightmare
Dieses Gemälde gibt es in zwei Ausfertigungen, von 1983 und 1985. Der Künstler, den ich 1994 in Paris anläßlich seiner Ausstellung, in der UNESCO, kennenlerne, als das Gemälde seit 1989 in unserem Besitz ist, hatte den Alptraum, daß seine Frau Viktoria, "Vita", nackt inmitten der Sowjetfunktionäre auf dem Strich steht. Abgebildet ist das Gemälde von 1983.
In der Eingangshalle der UNESCO werden gerade die Gemälde des Mikhail Romadin aufgehängt; er stutzt und spricht vor sich hin: Von dem Künstler haben wir ein Gemälde. Ein Herr neben ihm hört das und antwortet: Das kann nicht sein. - ??? - Der Künstler weiß, wo alle seine Gemälde sich befinden. - Anscheinend nicht. - Das haben wir gleich, ich bin sein Agent. Mikhail, kommst du mal bitte her? Dieser Herr behauptet, er hätte ein Gemälde von dir. - Das kann nicht sein. - Doch! Le Cauchemar.
Meine erste Erfahrung mit Rußland mache ich 1946. In Herford klopft es eines Abends ans Fenster, es ist schon dunkel, ich schaue raus und sehe einen verdreckten schwarzen Mann. Schreiend laufe ich zu Oma, die schaut auch raus und schreit vor Freude; denn es ist ihr ältester Sohn Max, der aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen ist und schnurstracks nicht zu seiner Frau Mimi, sondern zu seiner Mutter eilt. Mimi verzeiht ihm das lange nicht. Max war Kommunist und wurde bevorzugt behandelt. Man hatte es aber glaubhaft zu machen; denn die Kommunisten im Lager wurden plötzlich immer mehr. Den Grund für diese frühe Entlassung habe ich später von Hans Mahle erfahren, der ab 1959 Chefredakteur der SEW-Tageszeitung Die Wahrheit war. Lemo schreibt allerdings, daß die meisten Kriegsgefangenen schon 1946/47 entlassen worden wären. Sei's drum!
Mein Schlüsselerlebnis mit Rußland und Russen habe ich im Herbst 1965, als ich im eigenen Waggon, rote Pompons umrahmen die Fenster, mit dem Zug von Teheran über Djolfa,Tiflis, Sotschi, Krasnodar nach Moskau zuckele. Es ist gerade Cholera im armen Indien, und ohne Impfnachweis kommt man nicht rein in die SU. Die Grenzer sprechen Russisch, Armenisch und Persisch, vielleicht noch Türkisch; ich zeige ihnen meinen Impfpaß in Deutsch, Englisch und Französisch, tippe auf die Malaria-Impfbescheinigung, und hinein ins Land! Sonst hätte ich in Quarantäne gemußt. Allein im Waggon mit einem dienstbaren Geist, kriege Tee ausm Samowar und jeden Mittag Soljanka. In Krasnodar steigt ein russischer Offizier mit Frau und kleiner Tochter zu, blonde Zöpfchen, Alter ca. fünf Jahre und neugierig, robbt sich hin und wieder an mein Abteil ran und späht, was da wohl bei mir abläuft. Ich habe nämlich einen in Teheran gekauften Plattenspieler und nudele meine persischen Platten ab.
Dann gechieht's. Mikhail Romadin flippt fast aus vor Freude: Sie besitzen es? Der Künstler glaubt, ein türkisches Ministerium oder Museum hätte es erworben; alle seine anderen Gemälde sind verkauft, aber die nackte Frau will keiner haben.
Mein Ehemann sieht das Gemälde, als er dienstlich in Ankara ist und benachrichtigt mich telefonisch. Gerade habe ich in Berlin einen langen Artikel in Le Monde gelesen über die sogenannten Küchenmaler, so bezeichnet, weil ihre nicht dem sozialistischen Realismus entsprechenden Werke in ihren Küchen hinter Schränken und Öfen versteckt gammeln, aber mit Glasnost und Perestroika des Mikhail Gorbatschow hervorgeholt und zur Steigerung des Ansehens der SU für gutes Geld im Ausland verkauft werden sollen. Die Sowjetregierung preist sich an als offene liberale Gesellschaft.
Kauf das Bild, rufe ich ins Telefon, egal, wenn's uns nicht gefällt, verkaufen wir's weiter. Als mein Mann am nächsten Tag das Bild kaufen will, ist es mit den anderen, die alle zum Nachteil der Istanbuler schon verkauft sind, eingepackt und auf dem Weg nach Istanbul, in die nächste Ausstellung. In Istanbul lebt und arbeitet ein Freund von uns, den wir bitten, das Gemälde zu kaufen. Was macht der? Er geht in die Ausstellung, sieht das Gemälde, kehrt unverrichteter Dinge nach Hause zurück, ruft uns an und fragt entsetzt: Das wollt Ihr kaufen?
Ich raufe mir die Haare: Und wenn das inzwischen weg ist? Aber nein, auch in Istanbul will keiner sich ein Gemälde mit einer nackten Frau ins Wohnzimmer hängen. Wie nun aber nach Berlin mit dem Schatz? Ein Berliner Freund hat in Istanbul zu tun, holt das Gemälde ab, faltet es zusammen und bringt's im Koffer nach Berlin, wo es bei Reinhard Wolff, dem besten Bilderrahmengeschäft in Berlin, schön gerahmt und dann bei uns aufgehängt wird.
Da hängt es in unserer Berliner Wohnung, aber der Künstler weint fast: Er will sein Baby sehen. Also fahre ich im Auto von Paris nach Berlin, packe den Alptraum ein und bringe ihn heil nach Paris. Mikhail Romadin kann's kaum fassen, mehrfach ist er bei uns zu Gast; dann steht er verträumt vor seinem wiedergefundenen Familienmitglied, von dem er nicht wußte, wo es nach den Ausstellungen in Ankara und Istanbul geblieben ist. Die Kopie fertigte er eigens an für die Ausstellungen in der Türkei zur Aufbesserung des sowjetischen Ansehens im Rahmen von Bartergeschäften, von Tauschgeschäften zwischen dieser und der SU. Alle anderen Gemälde der Ausstellung sind verkauft, nur nicht das mit der nackten Frau. Als es dann doch in Istanbul verkauft wird, denkt der Künstler, es wäre im Keller eines türkischen Amtes oder Museums gelandet. Jedenfalls ist es weg und nie mehr aufzufinden.
Solche Geschäfte kenne ich aus Nachkriegsdeutschland, in meiner ostwestfälischen Heimatstadt Herford gab es eine Tauschzentrale, am Alten Markt Nr. 5, unvergessen. Später war dort das Bekleidungsgeschäft Hettlage.
Mit Nachkriegsdeutschland und den Russen geht's gleich weiter:
Mein Schlüsselerlebnis mit Rußland und Russen habe ich im Herbst 1965, als ich im eigenen Waggon, rote Pompons umrahmen die Fenster, mit dem Zug von Teheran über Djolfa,Tiflis, Sotschi, Krasnodar nach Moskau zuckele. Es ist gerade Cholera im armen Indien, und ohne Impfnachweis kommt man nicht rein in die SU. Die Grenzer sprechen Russisch, Armenisch und Persisch, vielleicht noch Türkisch; ich zeige ihnen meinen Impfpaß in Deutsch, Englisch und Französisch, tippe auf die Malaria-Impfbescheinigung, und hinein ins Land! Sonst hätte ich in Quarantäne gemußt. Allein im Waggon mit einem dienstbaren Geist, kriege Tee ausm Samowar und jeden Mittag Soljanka. In Krasnodar steigt ein russischer Offizier mit Frau und kleiner Tochter zu, blonde Zöpfchen, Alter ca. fünf Jahre und neugierig, robbt sich hin und wieder an mein Abteil ran und späht, was da wohl bei mir abläuft. Ich habe nämlich einen in Teheran gekauften Plattenspieler und nudele meine persischen Platten ab.
Näher an Moskau, füllt sich der Waggon, und unabhängig voneinander wollen zwei Russen mir meinen Plattenspieler abkaufen, ich aber will ihn mit nach Berlin nehmen. Dort nudelt er noch manches Jahr meine 45er Scheiben ab. Einige von ihnen habe ich, angefangen mit Al Jolson, am Rand dieses Blogs verlinkt.
20 Jahre nach Kriegsende erlebe ich nur Gutes in Rußland, und bei späteren Aufenthalten und Zwischenstopps ebenso; auf der Reise mit der DSF nach Usbekistan oder von Ulan-Bator nach Moskau zum Auftanken Zwischenlandung in Irkutsk, Anfang der 90er Jahre, der Pilot hat das Benzin in Dollarscheinen zu bezahlen, wie auch Außenminister Dietrich Genscher zwei Tage vorher. Na, und manches mehr: Eine russische Dolmetscherin begleitet uns in Usbekistan; sie erzählt diesen Witz:
Was ich dann an Zuwendung in Moskau erlebe, wunderbar empfangen überall! Ich wohne im Hotel Berlin Берлин, sitze als Einzelperson an einem kleinen Tisch inmitten von Reisegruppen, nicht unter einem Dutzend Personen pro Gruppe, und werde bestaunt, führe Unterhaltungen im Park mit russischen gebrochen Deutsch sprechenden Kriegsveteranen, von denen das Gerücht geht, die würden, wenn sie sterben, nicht beerdigt, sondern samt ihren Medaillen verschrottet, auch die Schlange vorm Lenin-Mausoleum, ohne mich, was die eigens für mich abgestellte Stadtführerin dankbar annimmt, dann hat sie nämlich frei! Dabei wäre ich als Ausländerin bevorzugt eingelassen worden, ach, ja, und die zwei Afghanen, einer der Sohn des Außenministers, beide Studenten, die mir auf Persisch-Russisch beim Einkauf im Kaufhaus Gum helfen, weil ich nix Russisch wohl aber Persisch kann (damals, seufz!), aber zuerst an der Kasse sagen und bezahlen muß, was ich haben will: ein Viertelpfund Leberwurst usw., und das wunderbar durch drei Nebenstraßen duftende Brot, Geheimtipp meiner Afghanen! Warum kaufe ich das? Von Moskau nach Warschau mit Anschluß nach Berlin gibt es in den Zügen keine Speisewagen, ich würde verhungern trotz nicht eßbarem persischem Isfahan-Teppich, den ich im Jutesack zollfrei nach Berlin-Zoo schmuggle.
Ein Usbeke kommt von der Arbeit nach Hause zu Frau und Kind. Das sitzt unterm Tisch und ist völlig verdreckt. Fragt der Mann seine Frau: Waschen wir's, oder machen wir 'n neues?
Спасибо!
Auf meinem Blog
Begegnungen zwischen Russen und Deutschen. 6. Febuar 2026
