16. Februar 2026

Rede des Vertreters Rußlands auf der 62. Münchner Sicherheitskonferenz

Im Anschluß an Marco Rubio, den Außenminister der USA, spricht der Vertreter der Russischen Föderation Konstantin Nikolajewitsch Leontjew:

Vielen Dank, sehr geehrte Staats- und Regierungschefs, 
Frau Präsidentin der Kommission, 
Minister, Botschafter, meine Damen und Herren,

ein besonderer Dank gilt meinem Vorredner Marco Rubio für seine klaren Worte zu Europa!

Will ich zu all dem wirklich sagen, daß die europäische Zivilisation bereits untergeht?
Nein, ich habe mehr als einmal wiederholt, daß Zivilisationen in der Regel lange die Staaten überleben, welche sie hervorgebracht haben.
Zivilisation, Kultur ist genau jenes komplexe System abstrakter Ideen (religiöse, staatliche, persönliche, moralische, philosophische und künstlerische), das vom ganzen Leben einer Nation entwickelt wird. Es gehört als Produkt dem Staat; als Nahrung, als Errungenschaft gehört es der ganzen Welt.
Einige dieser kulturellen Früchte reifen in den frühen Epochen der Staatlichkeit, andere in ihrer reifen Mitte und die dritten bei ihrem Fall. Ein Volk hinterläßt der Welt als Erbe mehr, ein anderes weniger. Eines für eine Branche, ein anders für eine andere Branche.
Das europäische Erbe ist ewig und so reich, so hoch, daß sich in der Geschichte noch nie etwas Vergleichbares vorgestellt hat.

Doch darin liegt die Frage: Wenn sich die europäischen Staaten in der derzeitigen Epoche ihrer späten Fruchtbildung wirklich zu einer föderalen, grob arbeitenden Republik verschmelzen, werden wir dann nicht das Recht dazu haben, diesen Ausgang als das Ende der früheren europäischen Staatlichkeit zu betrachten?
Zu welchem Preis soll so eine Verschmelzung erkauft werden? ...
Solche grundlegenden Umwälzungen werden nicht auf Rosenwasser und Zucker vorbereitet: Sie werden der Menschheit immer durch Eisen, Feuer, Blut und Schluchzen angeboten!
Und schlußendlich, was auch immer kommen mag, ob diese neue Republik nun durch das Rosenwasser wissenschaftlicher Kongresse oder durch Blut entsteht, auf jeden Fall wäre es das Ende von Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien usw. Sie werden zu Regionen dieses neuen Staates ...
Man wird mir sagen: "Sie werden niemals verschmelzen!" Ich aber werde entgegnen: "Selig ist, wer glaubt, ihm ist es warm auf dieser Welt!" ... Was lehrt der gesunde Menschenverstand? Was lehrt die praktische Weisheit? Sollten wir uns vor dem Schlimmsten hüten, darüber nachdenken oder den Gedanken an dieses Schlimmste vertreiben, uns unseren Feind (die egalitäre Revolution) so machtlos vorstellen, wie die Franzosen sich die Preußen vorgestellt haben?
Es ist notwendig, bei solchen Urteilen immer das extreme Ideal im Auge zu behalten, welches in Gesellschaften existiert; denn die Menschen werden es sicherlich ausprobieren wollen. Es ist notwendig, sich daran zu erinnern, daß Neuentwickler früher oder später immer triumphieren, wenn auch nicht ganz in der Weise, die sie bewußt gesucht haben. Die positive Seite ihres Ideals bleibt oft ein Luftschloß, aber ihre Aktivitäten sind destruktiv, untergraben das frühere, und leider erreichen sie allzuoft im Praktischen ihr negatives Ziel.

Um die letzten Überreste des ehemaligen Staatensystems Europas zu stürzen, bedarf es im allgemeinen weder Barbaren noch eines ausländischen Angriffs: Es genügt jene wahnsinnige Religion des Eudaimonismus weiter zu verschütten und zu stärken, welche folgendes zum Symbol erklärt hat:
"Le bien-être matériel et moral de l'humanité".
„Das materielle und moralische Wohlergehen der Menschheit.“

Es ist notwendig, sich daran zu erinnern, daß viele in Europa wollen, daß alle ehemaligen westlichen Staaten zu einer föderalen Republik verschmelzen, viele, die es zwar nicht besonders wollen, glauben allerdings, daß dieser Ausgang ein notwendiges Übel sei.
Für den Sturz der monarchistischen demokratischen Ordnung in Deutschland genügt ein unbeholfener Schritt in der Außenpolitik, ein erfolgloser Kampf gegen die vereinten Kräfte der Slawen und Frankreichs.
Viele, sagte ich, die nicht wollen, daß sich alle heutigen Staaten des Westens zu einer republikanischen Föderation verschmelzen, glauben jedoch an einen solchen Ausgang. ...
Ich glaube, daß es unsere Pflicht ist, zumindest unaufhörlich über die Versuche einer solchen Verschmelzung, über den Niedergang der eigenständigen westlichen Staaten nachzudenken.
Und was bei diesem Gedanken Rußland betrifft, stellen sich sofort zwei Ergebnisse vor: entweder muß es sich auch in diesem Progreß Europa unterwerfen, oder sollte es in seiner Eigenständigkeit bestehen bleiben?
Wenn die Antwort des russischen Volkes auf diese beiden Fragen zugunsten der Eigenständigkeit ausfällt, was sollte dann getan werden?
Man muß sich selbst stärken, weniger über das Wohl und mehr über Kraft nachdenken. Wenn es Kraft gibt, dann wird es auch irgendein mögliches Wohl geben.
Wird denn ohne Kraft jenes subjektive persönliche Wohl sogleich eintreten? Es gab viele Untergänge: Sie sind eine reale Tatsache. Und wo ist dabei das Glück? Wo das Wohl?

Irgendwas davon: Entweder wird der Westen das Europa der 27 sich für eine lange Zeit in dieser neuen republikanischen Form Europas einrichten, die immer noch nichts anderes ist als der Fall aller eigenständigen europäischen Staaten, oder er es wird sich in einer allgemeinen Anarchie quälen, welche gegenüber den Anarchien des Terrors entweder der Jahre '48 oder '71 in Paris unbedeutend erscheinen werden.

Auf die eine oder andere Weise braucht Rußland innere Stärke, es braucht eine starke Organisation, einen starken Geist der Disziplin.
Wenn der die neue föderale Westen Europäische Union stark sein wird, werden wir diese Disziplin brauchen, um unsere letzten Verteidigungslinien der Unabhängigkeit, unsere Individualität vor ihrem Ansturm zu beschützen.
Wenn der die Westen Europäische Union in Anarchie verfällt, brauchen wir Disziplin, um dem Westen der Europäischen Union selbst zu helfen, um in ihm ihr das zu retten, was es wert ist, gerettet zu werden, nämlich das, was seine ihre Größe ausgemacht hat, die Kirche, welche es auch geben mag, den Staat, vielleicht die Überreste der Poesie ... und die Wissenschaft selbst! ... (Nicht die tendenziöse, sondern die strenge, traurige).

Wenn dies alles leere Ängste sind und der Westen die Europäische Union zur Besinnung kommt und ruhig (was in der Geschichte beispiellos wäre!) zur alten Hierarchie, zur gleichen Disziplin zurückkehrt, dann brauchen auch wir wieder Hierarchie und Disziplin, um nicht schlechter, nicht niedriger, nicht schwächer als er sie zu sein.

Signora Presidente del Consiglio dei Ministri della Repubblica Italiana Meloni, 
sehr geehrte Damen und Herren, 
das Rom der Patrizier und der Optimaten lebte länger als das Karthago der Kaufleute und tat mehr für die Menschheit. ... Tatsächlich hat sich der Westen die Europäische Union bewußt vereinfachend und wesenhaft mischend unbewußt dem kosmischen Gesetz der Zersetzung unterworfen.

Das bedauern Staatspräsident Wladimir Putin, meine Landsleute und nicht zuletzt ich zutiefst.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
München, am Sonntag, den 14. Februar 1886

Leontjew, Konstantin Nikolajewitsch: Byzantismus und Slawentum. 
Aus dem Russischen von Daniil Koshmanov. 2023 Arnshaugk Verlag 
167 S. 250 gr. ISBN 3-95930-256-8. Gb. 22,– €*

Den Entwurf der Rede des besorgten Russen findet man im Epilog auf die EU, Seiten 149, 150 - 153

Auf meinem Blog
Begegnungen zwischen Russen und Deutschen. 6 Februar 2026
Friedrich Merz, der 1,98m lange Größenwahn. 14. Februar 2026
Meine Begegnungen mit Russen und mit Rußland. 15. Februar 2026