22. August 2026

Auszüge aus dem Iran-Reisebericht einer Studentin: Teheran 3

Liebe Eltern!

Tehran, den 10.5.65


Am Samstag habe ich meine erste Prüfung. Morgen und übermorgen ist Feiertag, da habe ich ja schön Zeit zu lernen. Jetzt ist hier der Monat Moharam – nach dem arabischen Kalender – das ist ein Trauermonat; alle Gläubigen und die, die so tun, tragen schwarze Kleider, die Männer schwarze Hemden. Man hat irgendwelche Leute [sic], führende Männer aus der Anhängerschaft Mohammeds, 73 an der Zahl, in einer Oase ermordet (ist schon lange her, aber die Kirchen [sic] sind ja in solchen Sachen alle nachtragend). Morgen ziehen die Gläubigen durch die Straßen und kasteien sich – aber nicht richtig [in Qom, 2014], früher [?] war das anders, da haben sie sich blutig geschlagen. Im Radio ist in Ermangelung die Klosetto Kakarina in Buschketto, wie in Deutschland am Buß- und Bettag.

Was die Auskunftsfreudigkeit der offiziellen Leute hier betrifft, so habe ich etwa nicht schon schlechte Erfahrungen gemacht – ich war ja noch bei keiner Behörde – aber ich kann nach allem, was ich hier so erlebe, einfach nicht glauben, daß man mir etwas mitteilt, was ich wirklich für eine Doktorarbeit verwerten kann. Inoffizielle Halbwahrheiten sind mir ja leider nicht dienlich. Ich werde deshalb voraussichtlich schon im Oktober nach Berlin zurückkehren, verkünde es aber noch nicht – vielleicht wird es ja doch anders.

Auf Eure Frage zur Schreibweise Tehran: Das ist ganz egal, wie man das schreibt. Persisch schreibt man nur wenige Vokale, die langen a, i, u, die kurzen schreibt man nicht. Tehran wird t-h-r-a-n geschrieben, und man sagt hier Tehran. Die meisten Europäer sagen aber Teheran, deshalb steht auf Stempeln ins Ausland eben Teheran. Es gibt verbundene und unverbundene Buchstaben, d.h., einige darf man nicht mit dem folgenden Buchstaben verbinden. Das könnt Ihr natürlich nicht erraten, es hat mit dieser Schrift zu tun.


Von Tehran kann ich noch berichten, daß die Leute hier unwahrscheinlich fleißig sind; sie arbeiten mehr als zehn Stunden am Tag - und was die alles machen! Dafür verdienen sie den ganzen Tag höchstens 6 DM und haben große Familien. Leider werden sie vom Staat gar nicht unterstützt in ihren Bemühungen - im Gegenteil! Es ist hier wirklich für viele hoffnungslos, ein paar Privilegierte schöpfen das Geld ab und bauen Kitschbauten, die anderen hungern und starren den großen Straßenkreuzern nach. Meine Gastfamilie [Vater Azeri, Mutter Deutsche] könnte sich auch ein dickes Auto leisten, aber hier wird "Veloks" (VW) gefahren, schon aus Gründen des Taktes. Finde ich anständig! Diese Familie ist übrigens eine von den anständigen - darum sind sie auch nicht s o reich, wie sie sein könnten. Anständigkeit führt hier noch weniger weit als bei uns.

Wenn man das alles sieht, dann fragt man sich: Was soll ich hier als Deutsche? Journalistin möchte ich hier nie und nimmer sein; denn ich wäre wohl eine Art Märchentante, von wahrhaftiger Berichterstattung könnte keine Rede sein. In Deutschland sind Leute wie ich viel nützlicher, finde ich. Aber dies alles zu sehen, ist wirklich wichtig für mich.

P.S.: Ob Links und Beschreibungen von einst oder von jetzt - das Volk lebt weiter im Elend.

Auf meinem Blog
Auszüge aus dem Iran-Reisebericht einer Studentin: Teheran 1, 21. August 2026
Auszüge aus dem Iran-Reisebericht einer Studentin: Teheran 2. 21. August 2026