Liebe Eltern!
Tehran, den 29.4.65
Ich gehe zwei Mal in der Woche in die Tehraner Universität und lerne bei Herrn [Dr. Manouchehr] Sotoudeh Persisch. Die übrigen Tage habe ich vollauf damit zu tun, zu lernen und im Kopf abzuspeichern, was wir durchgenommen haben. Das ist immer eine ganze Menge. Bald haben wir die erste Prüfung, die ich gut bestehen möchte.Wie Ihr vielleicht wißt, war Mitte April ein سوء قصد = Attentat auf den Schah. Unter diesen Umständen muß ich damit rechnen, daß mir über die persische Politik und Presse kaum etwas bis gar nichts der Wahrheit Entsprechendes gesagt werden wird. Aber mit Märchen aus 1000+1 Nacht ist mir nicht gedient, die kann ich auch zu Hause erfinden. Ich will aber sehen, ob es mir gelingt, in einer Zeitung zu volontieren, das wäre schon etwas, was mir nützen könnte.
Der Iran ist ein herrliches Land, aber ich komme mir vor wie in den Ferien, weil meine Arbeit total blockiert ist. Man kann aber nicht immer Ferien machen. Wenn ich wieder nach Deutschland komme, erzähle ich Euch ausführlich über vieles, was ich erlebt habe; es wäre zu langwierig, es zu schreiben – auch schreibt man es besser nicht – es ist nicht wie bei uns.
Hier ist es wunderbares Wetter, etwa so wie in Deutschland im Juni. Es regnet natürlich nicht, die Zeit ist jetzt vorbei. Aber diesen Sommer gibt es mehr Wasser als letzten, hat man mir erzählt. Das Neuartige ist, daß ich hier lernen muß, mit Wasser zu sparen. Es kommt vor, daß reiche Leute sich aufregen, wenn ihre Kinder beim Händewaschen das Wasser zu lange laufen lassen. Wenn ich mich dusche, so stelle ich mich einmal drunter, daß ich naß werde, dann stelle ich das Wasser wieder ab und lasse es erst wieder an, wenn der Schaum abgespült wird. Methode Spar ist das.
Wir haben einen großen Garten, in dem befindet sich ein Schwimmbassin, das ist allerdings in erster Linie ein Wasseraggregat für Sommerzeiten.
Mein Freund Reimar Lenz hat für mich schon beim RIAS nachgefragt; ich kann dort eine halbe Stunde für den Jugendfunk über Persien machen. Ich will allerdings noch etwas warten damit, weil ich erst mehr erleben muß; so 20 Seiten werden nicht von allein voll. Beim Saarländischen Rundfunk haben sie mir ja auch versprochen, daß sie was nehmen. So kann ich mir gleich ein paar Piepen verdienen; denn in den nächsten Semesterferien will ich unbedingt nach England fahren. Das ist überhaupt etwas Wichtiges, was ich hier gelernt habe, daß Auslandsaufenthalte für mich notwendig sind. Dieser Aufenthalt hier tut mir gewiß sehr gut, ich merke jetzt schon, wie sich mein Blick geschärft hat.
Heimweh habe ich natürlich auch manchmal, aber ich kann es ganz gut ertragen. Ich glaube, ich hatte einfach einen sehr großen Nachholbedarf an Auslandserlebnis, so daß ich zunächst ganz froh bin, hier zu sein.
Ich habe auch nicht etwa erkannt, daß es „zu Hause doch am besten“ ist, sondern, daß ich in Deutschland mit meiner Arbeit mehr ausrichten kann als sonst wo, weil ich die Verhältnisse und die Sprache am besten kenne und bei uns ja noch so viel im argen ist, und man sein Leben damit zubringen kann, erst mal im eigenen Land zu arbeiten und an Verbesserungen zu wirken.
