Unbeschreibliche Gefühle der Trauer und der Freude, beide gleichzeitig, wurden dort geweckt. Geschenkt wurden uns einmalige Eindrücke vom Wirken der großen jüdischen Künstler Deutschlands und Österreichs, von Dichtern, Schriftstellern, Schauspielern, Musikern, quer durch die Klassik und Unterhaltung. Tonaufnahmen erklangen aus den Kulissen, ein Wiener Caféhaus war aufgebaut, und Fritz Grünbaum und Karl Farkas, "der Gescheite und der Blöde", brachten ihre Witzeleien aus dem echten Wiener Cabaret.
Viele Künstler hatten die Emigration nicht geschafft, sie wurden in den Konzentrationslagern ermordet, wie der aus dem "Blauen Engel" weltbekannte Schauspieler Kurt Gerron, der 1944 den unsäglichen Film über das Konzentrationslager Theresienstadt drehen mußte. Der homosexuelle Paul O'Montis erhängte sich am 17. Juli 1940 im KZ-Sachsenhausen.
Heute schalten wir Fernsehsendungen wie "Die Schlagerparade der Volksmusik", "Musikantenstadl" und "Kein schöner Land ..." mit einem raschen Knopfdruck aus. Wenn hin und wieder ein Sendung mit dem, am 4. Januar 2000, verstorbenen Diether Krebs gezeigt wird, muß man schon dankbar sein.
Ich fragte sofort an der Rezeption der Ausstellung, ob es CDs der jüdischen Künstler gäbe, was mit Bedauern verneint wurde. Nun aber hat dieser unerträgliche Zustand ein Ende, denn der "dem Guten, Schönen und Radikalen in der Musik verpflichtete" Münchner Trikont-Verlag hat uns gleich doppelt beschenkt: Für nur je 29 DM gibt es die "Diva aller Diven" Fritzi Massary, "den Gescheiten und den Blöden" Fritz Grünbaum und Karl Farkas, den Ur-Österreicher Richard Tauber, das "süße Mädel aus Budapest" Franziska Gaal, den Mann aus dem Kaffeehaus Hermann Leopoldi, Max Brod, Karl Kraus und weitere berühmte Wiener. Aus Berlin, Hamburg und München gesellen sich dazu der "berühmte Schwabe" Alfred Auerbach, die "waschechten Hafenarbeiter Fietje und Thetje" die Gebrüder Wolf, der erste Bariton des legendären "Überbrettl" Robert Koppel, die "Lumpenjuste" Fritzi Massary (hier also als Berlinerin), "La bella Tangolita" Gitta Alpár, Curt Bois, Willy Rosen und viele, viele andere.
Traurig stimmen die beiden von Paul O'Montis gesungenen Stücke, "Ghetto", Text und Musik von Ralph Erwin, und "Kaddisch", Text Kurt Robitschek, Musik Otto Stransky, von 1928. Sie zeigen, wie eng für die Juden in Deutschland und Österreich Ausgelassenheit, Schmerz und Verzweiflung schon lange vor Beginn des Dritten Reiches zusammengehören.
Berlin, 29. November 2001


